Dempster Highway - 12. bis 15. September 2008

Von Carmacks fahren wir die 324 km bis zur Dempster Corner, also zum Beginn des Dempster Highways. Der Dempster Highway ist eine 730 km lange Schotterpiste, welche bis nach Inuvik führt. Inuvik ist die nördlichste Stadt der Northwest Territories, die man auf einer Straße erreichen kann. Da mein lieber Olli sich dem Extremen auf dieser Reise verschworen hat, möchte er unbedingt diese Strecke fahren. Dafür haben wir uns am Tag zuvor auch zwei Ersatzreifen besorgt, denn die Straße ist als „Reifenfresser“ bekannt. Eigentlich wollte ich nicht mitfahren und mir gemütlich ein Hotelzimmer im 50 km weiter entfernten Dawson City nehmen. Weil es aber viel unkomplizierter ist, fahren wir dann doch gemeinsam. Wir starten genau um 15 Uhr, indem wir auf einer einspurigen Brücke den Klondike River überqueren. Natürlich fängt es in diesem Augenblick an zu tröpfeln, was die Straße nicht gerade angenehmer machen wird...

Es ist wirklich sehr einsam, wir haben die Straße fast für uns alleine und das ist auch gut so, denn in der Mitte fährt es sich am besten. Der gesamte Boden besteht hier aus Permafrost, das heißt, er ist das ganze Jahr über gefroren. Aus diesem Grund kann er gar nicht asphaltiert werden. Tiefer unten bleibt der Boden auch im Sommer gefroren, nur die obere Schicht wird weich. Dadurch wird Wasser nach oben gedrückt und es bilden sich Löcher auf der darüber gestreuten Schotterschicht. Man muss sich sehr konzentrieren beim Fahren und kann nicht großartig nach links oder rechts schauen. Nach einer halben Stunde Fahrt, ist unser Camper von hinten bereits so voller Schlamm, dass man Tür und Fenster nicht mehr erkennen kann.

Nach ca. 100 km kommen wir zum Tombstone Mountain. Von hier durchfahren wir ein Tal, welches links und rechts von schneebedeckten Bergen umgeben ist. Hinter dem North Fork Klondike River beginnt die Tundra, ein Gebiet, in dem nur sehr wenige kleine grüne Tannen wachsen, rote Büsche und gelbe Sträucher den Boden bedecken und das alles ergibt ein herrliches Farbenspiel. Immer wieder gibt es mal einen kleinen See oder einen Flusslauf. Später sehen wir eine Elchkuh mit ihrem Kalb im Fluss und einen Grizzly, allerdings in weiter Ferne und auf der Flucht vor uns und zwei anderen Fototouristen. Bis jetzt sind wir noch positiv überrascht, denn die Straße ist besser als angenommen. Dann kommt der 600 Meter hohe Anstieg zum Eagle Plateau. Hier ist die Straße schlammig und man rutscht, wenn man zu viel Gas gibt. Also mit unserem Bulli wären wir hier nicht hoch gekommen, aber Dirty Harry ist halt ein richtiger Truck. Man kann von oben die weite und unberührte Landschaft überblicken. Wir fahren noch bis halb 10 Uhr nachts, denn es wird sehr langsam dunkel. Dann aber durchfahren wir immer wieder Wolkenbänke und die Sicht wird sehr schlecht. In Eagle Plains machen wir für die Nacht halt. Der Ort ist eigentlich kein richtiger Ort, denn seitlich der Straße gibt es lediglich eine Tankstelle, eine Werkstatt und natürlich ein Hotel und Restaurant. Es ist schweinekalt, das Thermometer zeigt 2 Grad, der Boden ist eine einzige Pampe und unser Camper ist hinten mit einer 2 cm dicken Matschschicht überzogen. Ich bin froh, dass wir das Schloss noch aufbekommen. Bei solchen Temperaturen bewährt sich mal wieder unsere Heizung. Wir essen noch etwas, trinken Wodka und gehen schlafen.

Am nächsten Morgen kommen wir kurz nach 11 Uhr los. Es schneit leicht, wir tanken und prüfen noch mal den Reifendruck. An der Werkstatt berichtet uns ein Mitarbeiter, dass er hier täglich bis zu 150 Reifen wechseln muss. Gleich hinter Eagle Plains bei km 405 durchbrechen wir den „Arctic Circle“ – Thermometer = 1,2 Grad, dunkle Wolken und Schneeflocken - brrr. Für mich ist gerade noch möglich, für ein schnelles Beweisfoto aus dem Auto zu springen, aber Olli knippst die Rockstargitarre, was das Zeug hält. Am nördlichen Horizont bricht der Himmel auf und die Sonne kommt durch. Wir nähern uns jetzt den weiß überzogenen Bergen, fahren erst links durch ein weites Tal an ihnen vorbei und dann mitten hinein. Die Landschaft sieht traumhaft aus unter dieser weißen Schneedecke, die Straße nicht. Auf dem Pass „George’s Gap“ wird es etwas rutschig, aber dann sind wir darüber hinweg und genießen wieder die weiße Märchenpracht der Richardson Mountains. Dank der Sonne ist alles noch einmal so schön, die roten Büsche und das gelbe Laub der kleinen Bäume sind mit Schnee überzogen.

Auf unserem weiteren Weg nach Inuvik überqueren wir zwei Flüsse per Fähre, den Peel und den Mackenzie River. Letzterer ist riesig und führt fast so viel Wasser wie der Amazonas. Der Kapitän dieser Fähre kommt aus Wilhelmshaven. Die Fähren sind kostenfrei und fahren den ganzen Tag hin und her. Tsiigehtchic kann auch nur übers Wasser erreicht werden und somit fährt die Mackenzie Fähre drei Punkte an. Zwischendurch biegen wir in Fort McPherson ab, einem kleinen, dunklen Ort mit 760 Einwohnern. Wir tanken für preiswerte 1,68 $/Liter. Einen Kaffee gibt es dort allerdings nicht für uns.

Kurz vor 21 Uhr erreichen wir Inuvik, die kleine Stadt, die dieses Jahr ihren 50sten Geburtstag feiert. Hier leben 3.400 Menschen, die ihre Häuser aufgrund des Permafrostes auf Stelzen erbaut haben. Diese reichen bis in die feste Schicht des Permafrostbodens, der im Sommer nicht schmilzt. Die meisten Straßen sind asphaltiert, aber die Plätze dazwischen nicht und so bewegt man sich zu Fuß meist auf matschigem Boden. Die Orte, die nördlich von Inuvik liegen, können von hier aus mit dem Flugzeug oder mit dem Boot erreicht werden, und nur im Winter auch mit dem Auto über die zugefrorene Flüsse und Seen. Denn Inuvik liegt mitten im Mackenzie Delta, welches in den Arktischen Ozean mündet. Wir tanken noch und genehmigen uns anschließend einen kleinen Mitternachtsimbiss im „The Roost“ - hauptsächlich ein take away Restaurant, wo wir stolze 34 $ für unsere Hühnerschenkel bezahlen. Highlight dieses kleinen, nicht sehr sauberen Restaurants ist ein riesiger ausgestopfter Eisbär. Die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz des „Inuvik Family Centers“, da wir am nächsten Tag schwimmen und saunieren wollen.

Als ich am Sonntag gegen 10 Uhr wach werde, macht Olli bereits einen kleinen Spaziergang in der klaren kalten Luft von Inuvik. Dabei hat er herausgefunden, dass das „Inuvik Family Center“ aufgrund von Wartungsarbeiten leider für 3 Wochen geschlossen hat. Nach dem Frühstück gehen wir gemeinsam durch die Stadt und machen Fotos von den bunten Gebäuden, der Inuvik-Rundkirche und dem Visitor Center, welches leider schon die saisonbedingte Winterpause eingeläutet hat. Wir gucken noch mal in den Supermarkt und sind schockiert über die Preisen. Für die Gallone Wasser möchte man jetzt 7,5 $ haben. Wie können sich die Leute das nur leisten? Nach unserem Rundgang fahren wir zur öffentlichen Bibliothek – welche sogar am Sonntag geöffnet hat, bekommen den lang ersehnten Internetzugang, können aber unsere EMails nicht runterladen. Auch von drinnen, gelingt es uns nicht. Dann ist es an der Zeit, die nördlichste Stadt Kanadas wieder zu verlassen. Nach 15 km drehen wir allerdings noch einmal um, da Olli unbedingt noch ein Rockstarfoto am Ortseingangsschild machen möchte, welches wir wohl übersehen haben. So jetzt endlich, es ist 16 Uhr und wir fahren in Richtung Süden und zurück in die Zivilisation.

Wir kommen diesmal viel schneller voran. Die Straße ist super und überhaupt nicht wie eine Schotterpiste. Durch den Tagesverkehr und die Kälte ist die Fahrbahn glattgefahren, keine Steine und auch keine Löcher. Wir kommen zur ersten Fähre und begrüßen kurz den deutschen Kapitän Rüdiger, mit dem Olli sich schon auf der Hinfahrt unterhalten hatte. Vielleicht treffen wir ihn noch mal in Mexiko, wo er eventuell den Winter verbringt. Wir sind in null Komma nichts auf der anderen Seite. Dann tanken wir in Fort McPerson – voll, da hier der Sprit am billigsten (1,68 $) ist, und fahren weiter. An der nächsten Fähre haben wir auch Glück, sie hat zwar gerade abgelegt, kommt aber zurück, um uns aufzunehmen. Ruckzuck sind wir am anderen Ufer. Wir wollen heute unbedingt noch über den Schneepass „George’s Gap“. Das schaffen wir und es war nicht so schlimm, wie befürchtet. Hinter diesen Bergen durchfahren wir wieder das breite Tal. Es ist dämmrig und der Wind pfeift draußen eiskalt. Das merken wir, als wir kurz eine Badezimmerpause einlegen. Kurz nachdem wir wieder eingestiegen und weitergefahren sind, sehen wir einen großen Bären ca. 10 Meter neben der Straße. Als wir halten und panisch nach dem Fotoapparat suchen, läuft er ein paar Meter, bleibt dann aber stehen und macht dort weiter, wo er aufgehört hat. Er gräbt im Boden und findet dort anscheinend auch etwas zu fressen. Wir machen Fotos bis der Finger wehtut. Das war ein richtiger Braunbär oder auch Grizzly genannt. Nach dem Tal erleben wir eine Überraschung. Auch hier ist die Gegend komplett weiß, es hat geschneit und es schneit immer noch. Aber die Straße fährt sich super auf dem Schnee. Mehr noch, sie ist durch das weiß, viel besser zu erkennen. Wieder fahren wir sehr lange und erreichen Eagle Plains um 23 Uhr.

Montag Morgen sind wir beide früh wach und nach einem schnellen Frühstück, dumpen und Wasser aufnehmen fahren wir weiter Richtung Süden. Nachts hat es natürlich weitergeschneit und die ganze Gegend sowie die Straßen sind weiß. Das ist gut so, denn es ist nicht rutschig, im Gegenteil, es fährt sich sogar besser auf der Schneedecke als auf der Matschstraße mit den Löchern. Als wir so verträumt durch den Winterwald rollen, bewegt sich plötzlich etwas Dunkles 10 m vor uns auf der Straße. Wieder ein Grizzly, auch ein richtig großer. Er bleibt stehen – wir natürlich auch – und dreht sich um, dann trottet er weiter die Straße entlang. Vorsichtig fahren wir weiter hinterher. Wie kommen wir aber nun an ihm vorbei? Bevor wir eine Lösung haben, kommt ein Auto von vorne und der Bär verschwindet rechts im Wald und ward nicht mehr gesehen. Wir setzen unseren Weg durch die Schneelandschaft fort. Was ist das für ein Klappern am Auto? Der Radkasten hat sich durch das viele Rütteln und Schütteln halb gelöst und schlägt nun gegen das Rad. Olli kann ihn aber wieder mit einem Draht befestigen. Die Straße ist jetzt um ein Vielfaches besser, als bei der Hinfahrt, jedoch sagen die entgegenkommenden Autofahrer, weiter vorn wird es schlimmer. Und wirklich, nach der Abfahrt vom Plateau ist die Straße schneefrei, sehr nass und voller Löcher, die man erst sieht, kurz bevor man darüber bzw. reinfährt. Plötzlich hören wir ein quietschendes Geräusch am Auto. Wir halten und versuchen das Geräusch zu orten. Es kommt von einem der Räder. Wir fahren mehrmals vor und zurück, bremsen und dann ist das Geräusch auf einmal weg. War wohl nur ein Stein, der sich verfangen hat. Jetzt kommt auch die Sonne wieder zum Vorschein und die Landschaft leuchtet ringsumher. Leider haben wir die farbenfrohe Tundra schon hinter uns und fahren jetzt auf einer Straße, die links und rechts von Tannen eingesäumt ist. Da, schon wieder was vor uns auf der Straße, Olli hat es vor lauter Schlaglöcher erst gar nicht gesehen. Ein Elch oder Moose, wie sie hier heißen. Ein Riese. Leider sind Elche sehr scheu - kurz darauf verschwindet er im Wald und als wir 3 Sekunden später an der Stelle vorbeikommen, können wir ihn nicht mehr sehen, so dicht stehen die Bäume.

Bei herrlichstem Wetter erreichen wir nach knapp 1500 km Schotterpiste ohne Reifenpanne das Ende des Dempster Highways. Den Namen hat der Highway übrigens von John Duncan Dempster, der auch als „Iron Man of the Trail“ bekannt war, da er selbst bei minus 40 Grad mit seinem Hundeschlitten die Strecke mehrmals im Jahr abfuhr. An der Dempster Corner legen wir eine Essenspause ein, tanken (nur das Nötigste, denn in Dawson City wird’s billiger) und wollen auch noch das Auto waschen. Leider kommt kein Wasser aus der Anlage. Der Inhaber guckt sich das Dilemma an und meint gelassen: „Obviously finished for the Winter“. Also fahren wir unseren Dirty Harry, schmutzig, wie er ist, nach Dawson City.