Erste Kurze Begegnung mit Chile – 13. bis 20. Dezember 2010

Über eine herrlich neue Asphaltstrasse rollen wir über 40 km vom Altiplano hinunter in die trockenste Wüste der Erde (2.400 m), die Atacamawüste. Sie zieht sich vom Süden Perus bis hier herunter und bietet mit ihrer trockenen Luft vor allem nachts den Sternenguckern die besten Voraussetzungen. Die kargen farbenprächtigen Berge des Altiplano verwandeln sich hier auf chilenischer Seite in trockene Geröllberge und braune Sandflächen, was allerdings auch nicht uninteressant aussieht. Plötzlich begegnen uns auch wieder eine Unmenge an Verkehrsschildern, sauber angelegte Notausfahrten und Straßenmarkierungen. Unten im Tal erwartet uns die berühmte Oase San Pedro de Atacama, touristischster und gleichzeitig teuerster Ort Chiles. Dort befindet sich auch der chilenischen Zoll. Die Chilenen sind bekannt dafür, sämtliche Frischwaren aus Campern einzusammeln. Nach Chile dürfen nämlich weder Obst noch Gemüse, frisches Fleisch oder Milch eingeführt werden. Wir wissen das bereits und haben unsere Essensvorräte dementsprechend reduziert. Es sind lediglich einige Zwiebeln und etwas Melone übrig, die wir schon zur Übergabe bereit gelegt haben. Die Zollangelegenheiten für Mensch und Auto dauern nur wenige Minuten und anschließend begleitet uns ein sehr netter Herr in den Camper. Die von uns angebotenen Lebensmittel nimmt er freundlich entgegen, stöbert aber nicht weiter im Kühlschrank oder Camper herum. Sogar unsere angebrochene Coca-Marmelade dürfen wir behalten als auch diverse andere Dinge, die wir schon konfisziert gesehen hatten. Dafür passiert etwas viel schlimmeres: der Henkel unserer Tasche reißt und sie fällt samt einem Grossteil unserer Technik runter. Danach funktioniert unsere Kamera nicht mehr, was wirklich einer der schwersten Verluste überhaupt ist.

In dem wirklich schönen Örtchen San Pedro de Atacama - kleine gepflegte Strassen mit weiß getünchten Häusern, ein schöner zentraler Platz mit Wifi und hunderte von Agenturen und Restaurants - essen wir etwas und buchen telefonisch eine Tour zur Kupfermine, Chuquicamata bei Calama. Wir drei – wir sind immer noch mit Robin unterwegs - brechen sogar noch am selben Abend nach Calama auf. Die Strasse führt erst durch herrlich, von der Abendsonne beleuchtete Berge und dann schnurrgerade durch braune Wüste. Auf halber Strecke suchen wir uns einen Stellplatz etwas abseits der Strasse, doch verstecken kann man sich hier nicht wirklich, weil es einfach nur plattes Land gibt. Am nächsten Tag wird in Calama das Auto mit teurem chilenischen Benzin betankt (672 Pesos/L = 1,10 EURO/L), der Kühlschrank mit ebenso teuren Produkten gefüllt und dann ist es auch schon Zeit für unsere Kupferminentour. Ein luxuriöser, Mineneigener Reisebus bringt uns und ca. 20 andere Touristen nach Chuquicamata und zur größten Kupfermine weltweit mit dem Namen Codelco. Präsident Allende verstaatlichte die Mine während seiner Amtszeit, was wahrscheinlich Grund dafür ist, das diese Tour umsonst ist. Zuerst besichtigen wir die enorme ehemalige Arbeitersiedlung mit Theatern, Banken, Krankenhaus, Spielplätzen usw. Diese Stadt wurde aufgelöst, nachdem das gesundheitliche Risiko einer solchen Mine bekannt war und Richtlinien für die Firmen aufgestellt wurden. Wir bekommen eine kurze Einführung in die Kupferproduktion und danach fahren wir hinauf zum Minenrand. Wie ein bodenloses Amphitheater fällt der Minenkessel zu unseren Füssen hunderte von Metern in die Tiefe. Das Ganze erinnert stark an die Terrassen der Inka, nur das hier winzig wirkenden Lastwagen auf den Terrassen, die in Wirklichkeit Strassen sind, hoch und runterfahren. Wenn man einem der LKWs gegenübersteht, ist dieser allerdings so groß wie ein Haus. Allein die Reifen sind 4 m hoch. Die LKWs benötigen pro Minute 3 l Diesel. Diese Mine liefert 40 % der Weltproduktion an Kupfer und gehörte früher einem US-Amerikaner. Nach 2 Stunden sind wir wieder in Calama, wo wir als Nächstes einen Schweißer suchen. Nein, unsere neue Verstärkung aus Uyuni hat gehalten, doch die Reserveradhalterung vorm Auto ist gebrochen. Leider ist es hier nicht so einfach, wie im Nachbarland Bolivien und so geben wir nach 30 min Suche auf, packen den Ersatzreifen aufs Dach und machen uns dann auf den Weg zum Pazifik. Einen Laden für unsere Kamera haben wir in Calama nicht gefunden, wissen aber nun, dass es lediglich in der chilenischen Hauptstadt eine solche Anlaufstelle gibt.

Wieder geht es über Chuquicamata, wo wir an einer Tankstelle gründlich die Autos vom Staub der Lagunenstrasse befreien können. Dann fahren wir im Zwielicht der Abenddämmerung abermals bergab, von 2000 auf 0 m und bis ans Meer. Die Strasse ist wieder 1a und die Fahrt spektakulär, denn die Gegend ist pflanzenlos, dunkel- bis rotbraun und übersäht mit riesigen Strommasten, was sehr skurril aussieht. Weiter westlich geht es dann kurvenreich durch imposante, karge Geröllberge, bis wir die Industriestadt am Wasser – Tocopilla erreichen. An der nicht grünen, doch schönen Küste finden sich hunderte von Stellplätzen. Wir nehmen einen davon und nach dem Parken probieren wir ordentlich das chilenische Bier. Eine Hündin gesellt sich zu uns und genießt den Rest unseres ecuadorianischen Hundefutters, die Temperatur erlaubt seit langem mal wieder im T-Shirt draußen zu stehen und mit Ausnahme von uns dreien, hört man lediglich die Brandung, welche gegen die kantigen Felsen schlägt.

Für die nächsten Tage wollen wir uns einen schöneren Stellplatz direkt am Wasser suchen und so fahren wir weiter Richtung Süden. Beim ehemaligen Hafenstädtchen Gatico, besuchen wir den Friedhof, welcher sich gleich an der Strasse befindet. Die dunklen Holzkreuze und die ebenso dunkel verrotteten Eisenkäfige, die um die Gräber gestellt wurden, heben sich beeindruckend gegen den blauen Himmel und das blaue Meer ab. Die Inschriften sind allerdings kaum noch zu lesen, denn der Hafen wird schon seit 1930 nicht mehr betrieben, was kurz darauf auch die Einwohner vertrieb. Doch wenn wir was entziffern können, handelt es sich um Kindergräber. Auch sind die Gräber – manchmal sind es nur Erdhaufen mit einem Kreuz am Kopfende – sehr klein und mit diversen Kuscheltieren geschmückt. Sollte das hier ein Kinderfriedhof sein oder sind früher einfach mehr Kinder als Erwachsene gestorben… Weiter geht es zum dazugehörigen Hafen, von dem eigentlich nur die große Hotelruine übrig geblieben ist, welche zweistöckig auf den Klippen sitzt. Hier kann man nach Herzenslust herumwandern, doch in den zweiten Stock kommt man nicht mehr. Der nur 10 km entfernt liegende ehemalige Ort Cobija, war Boliviens erster Hafen. Er wurde 1825 von Simon Bolívar als erster Küstenort gegründet. 1860 hatte der Ort seine Blütezeit, doch wurde kurz darauf von einer Flutwelle überschwemmt. Auch eine Gelbfieberepidemie kam dazu und als Antofagasta gegründet wurde, gab man das Städtchen ganz auf. Hier laufen wir abermals über den Friedhof, wo wir sogar einen offenen Sarg entdecken. Und etwas unterhalb Cobijas finden wir den gesuchten Stellplatz auf einem Kiesstrand, wo wir uns häuslich einrichten. Olli beginnt sofort mit der Putzaktion des Trucks von innen, der von der Lagunenstrasse immer noch total verstaubt ist. Sogar zwischen die Buchseiten hat er sich eingenistet.

Nach den zwei Tagen Ruhe fahren wir nach Antofagasta, der fünftgrößten Stadt Chiles. Doch vorher besichtigen wir noch die ‚Portada’, einen weiß leuchtenden Steinbogen mitten im Meer. Antofagasta ist wunderschön am Pazifik gelegen, mit vielen Parks, einer einladenden Promenade und schönen Häusern. In der riesigen Mall finden wir auf der Dachterrasse auch für unser großes Auto einen Parkplatz und drinnen können wir nach langer Zeit endlich einmal wieder das Internet nutzen. Wir verlassen die Stadt am selben Abend und fahren noch ein kleines Stück südwärts bis zur ‚Escultura ‚Mano de Desierto’, der großen Hand in der Wüste. Sie ragt ca. 6 m aus dem Sand und bietet einen beeindruckenden Anblick. Als wir am nächsten Morgen von dort wieder nach Norden aufbrechen, kommen uns Jenny und Ben (aus La Paz) mit ihrem Jeep entgegen. Sofort wird am Seitenrand gehalten und sich herzlich begrüßt. Nach kurzem Schwatz entscheiden sich die beiden mit uns gen Norden und später mit nach Salta, in Argentinien zu fahren, wo wir Weihnachten verbringen wollen. Doch in Baquedano trennen wir uns vorübergehend, denn Jenny und Ben wollen mit Robin über eine Schotterpiste zurück nach San Pedro de Atacama fahren, während wir im Moment genug von „Off-Road“ haben und die asphaltierte Strasse bevorzugen. Wir verabreden uns für den Sonnenuntergang am Mirador des Valle de La Luna – ja, hier gibt es auch eins – kurz vor San Pedro. Olli und ich kommen gut voran, wir durften sogar Bens kleine Kamera für die Fahrt ausleihen. Gegen 19 Uhr und kurz bevor die Sonne in ihrer roten Pracht über dem Valle de la Luna versinkt, erreichen wir den vereinbarten Standort. Die anderen sind noch nicht eingetroffen und so genießen wir allein auf einem Felsvorsprung das Naturschauspiel. Erst als es bereits stockdunkel ist, rührt sich das Walki Talki. Robin teilt uns mit, dass die drei jetzt kommen, allerdings nur mit einem Auto. Als der Jeep dann heranrollt erfahren wir, was passiert ist. Robins Bus hat einen Motorschaden. Die Maschine weist zwei riesige Löcher auf und der Jeep hat ihn nun schon über 100 km auf Schotterstrasse abgeschleppt. Wie krass!!! Er fährt mit Jenny und Ben und dem Bus im Schlepptau nach San Pedro auf einen Campground, während wir hier in der Einsamkeit die Nacht verbringen.

Am nächsten Vormittag treffen wir uns alle auf dem Campground in San Pedro. Robin muss sich jetzt um eine Lösung kümmern, was so kurz vor Weihnachten nicht einfach werden wird. Wir helfen ihm, so gut wir können. Zuerst versuchen wir einen LKW beim Zoll zu erwischen, der den Bus bis nach Salta bringen kann, denn unsere Autos würden die 160 km lange Strecke auf den Pass von über 4000 m nicht mit einem zweiten Auto im Schlepp schaffen. Doch wir haben kein Glück. Die gute Nachricht ist, dass er auch ohne Auto ausreisen kann und so beschließen wir letztendlich den Bus hier sicher stehen zu lassen und zu dritt in unserem Truck zu reisen. Jenny und Ben haben sich inzwischen allerdings wieder um entschieden und fahren nun doch auf chilenischer Seite weiter nach Süden. Bevor wir alle den kleine Ort verlassen, erfreuen wir uns noch ein wenig am Urlaubsfeeling, welches auf den gemütlichen Strassen der Stadt herrscht und nutzen ausgiebig das Internet der einladenden Restaurants.

Wir verlassen San Pedro de Atacama erst nachmittags. Die Zollsachen sind schnell erledigt und dann geht es schnaufend hinauf auf den 4400 m hohen Jama Pass. Zweimal sehen wir einen umgestürzten LKW. Die argentinische Grenze kommt erst weit oben im Altiplano, nach dem wir schon wieder an vielen knuffigen Guanakos, schönen Lagunen mit noch schöneren Flamingos und kargen Bergen vorbeigefahren sind. Wir erreichen die Aduana (Grenze) gegen 19 Uhr. Es ist ein modernes großes Gebäude, welches einsam auf dem windigen Hochplateau liegt. Das wir als Deutsche einen amerikanischen Truck fahren, will nicht so ganz in die Köpfe der Beamten und minutenlang diskutieren sie, ob es hier nun mit Rechten Dingen zugeht. Es ist das erste Mal, dass wir deswegen Schwierigkeiten haben, doch am Ende lassen sie uns samt Auto weiterfahren. Auch die Lebensmittelkontrolle – die es hier ebenso wie in Chile gibt – fällt eher dürftig aus. Wir hatten schon um den leckeren Kartoffelsalat gefürchtet, den Olli am Morgen zubereitet hatte. Gleich hinter dem Grenzgebäude steht eine neue große Tankstelle – die wir leider nicht nehmen. Später merken wir, dass es in den nächsten Orten nur kleine Tankstellen mit viel höheren Preisen gibt!