Diebe, Wein und Schnelle Autos – 20. Dezember 2010 bis 6. Januar 2011

Wir verlassen den Norden Chiles über den über 4000m hohen Jama Pass mit Robin im Gepäck. Hinter der argentinischen Grenzstation, die bereits weit im argentinischen Altiplano liegt, erreichen wir unsere erste argentinische Stadt. Das ist Susques, eigentlich nur ein Dorf, wo wir tanken. Und hier biegen wir auch zum allerersten Mal auf die - in aller Reisenden Munde– Ruta 40, die angeblich längste Strasse der Welt ein. Die Landschaft ist großartig und einsam und auch die Schotterpiste ist in gutem Zustand. Wir machen viele Fotos – leider nicht mit unserem Apparat – doch später wird die Gegend noch viel spektakulärer. Wir durchfahren die ‚Quebrada de Toro’, eine weite Schlucht mit Felsformationen in allen Farben, riesigen Kakteen und starkem Wind von vorne. Die Strasse ist hier wieder asphaltiert. In Salta suchen wir den Municipal Campground auf, wo wir uns für mehrere Tage einquartieren. Dieser Campingplatz bietet den größten Pool Südamerikas und als wir abends auf den Platz rollen sind wir von dem riesigen blauen Wasserbecken sehr angetan. Begeistert malen wir uns aus, wie wir am nächsten Morgen dort unsere Bahnen ziehen. Doch daraus wird leider nichts, denn Olli, der wie immer als erster wach ist, beobachtet bereits ab 6 Uhr die große Reinigungsaktion die hier stattfindet. Etwa 30 Leute schrubben das immer weniger werdende Wasser zur Mitte und gegen Abend ist der Pool dann endgültig leer. Wir feiern Ollis Geburtstag mit argentinischem Wein und dem hoch gepriesenen argentinischem Fleisch, welches wir zu diesem Anlass als Premiere auf unserem Grill haben. Ich bin ja wirklich kein großer Fleischesser, doch bei diesen zarten Steaks kann auch ich nicht widerstehen.

Eine zweite unglaubliche Geschichte ereignet sich hier in Salta auf dem Campground. Zwei merkwürdig aussehende junge Männer springen hinter unserem Stellplatz über den Zaun und gehen gemütlich zu unseren Nachbarn, einer französischen Familie. Sie unterhalten sich anscheinend mit der Mutter, die draußen am Tisch an ihrem Laptop sitzt. Doch plötzlich greift einer der beiden nach dem Gerät und sie rennen in unsere Richtung, um hier wieder über den Zaun zu springen. Olli und Robin vereiteln die Tat allerdings. Sie stellen sich den beiden Dieben mutig in den Weg und nach einigem Gerangel und Geschubse um den Computer, die Franzosen sind inzwischen auch dazugekommen, lassen die Räuber von ihrem Diebesgut ab, greifen sich aber sofort Robins Rucksack. Doch auch hier haben sie Pech, denn Robin war schneller und als sie gerade mit leeren Händen über den Zaun verschwinden, trifft auch der hier ansässige Sicherheitsdienst ein. Leider etwas zu spät, denn obwohl die Polizei ebenfalls über den Zaun springt, bekommen sie die Flüchtenden nicht. Wir haben ja schon viel über Diebstähle und Camperüberfälle in Argentinien gehört, aber mit solch einer Dreistigkeit rechnet man doch wirklich nicht. Die französische Familie verlasst noch am selben Abend den Platz, während wir das Auto lediglich näher zur Rezeption parken und nachdem wir alles sicher verschlossen haben gehen wir sogar noch in die Stadt.

Salta ist wirklich eine attraktive Provinzhauptstadt und wir bereuen hier nicht länger gewesen zu sein. Der zentrale Platz ist mit hohen Palmen bewachsen, rundherum stehen erhabene Häuser aus der Kolonialzeit deren unterste Ebene ein Arkadengang mit Cafés und Restaurants säumt. Die Stadt hat großartige Kirchen, die Iglesia San Francisco gefällt mir besonders gut. Sie ist in rot und weiß angestrichen und über den Eingängen hängen steinerne Vorhänge. Auf einer Seite des Plaza steht die stattliche Kathedrale, vor der jetzt zur Weihnachtszeit ein großes Krippenspiel aufgebaut ist, aus zwei Lautsprechern Weihnachtslieder tönen und gerade als wir auf sie zulaufen, die Glocken läuten. Von innen ist sie ebenso sehenswert, besonders der Fußboden ist ein Hingucker. Als wir Salta verlassen, haben sich dunkle Regenwolken am Himmel zusammengezogen und die schwülen 30 Grad sind mindestens um 10 Grad gefallen. Nachdem wir beim Gasversorger im Süden der Stadt noch unsere Gasflaschen aufgefüllt haben, fahren wir auf der Ruta 68 nach El Carril wo wir auf die R33 nach Cachi – unserem nächsten Ziel abbiegen. Die grüne Gegend ist ein Augenschmaus für uns, nachdem wir nun wochenlang nur Wüste und karge Berge gesehen haben. Die hohen Bäume verwandeln die Strasse teilweise in einen Tunnel, während wir höher und höher klettern. Kurz vor dem Pass von 3000 m sind es wieder die Farben der Berge, welche uns zu Ahs und Ohs verleiten. Hier oben beginnt der Cardones NP. Die Cardones sind uralte Kakteen, die steil in die Höhe wachsen. Die Indianer sagen, es sind die Seelen ihrer Verstorbenen, die in den stacheligen Pflanzen weiterleben. Als wir über die Recta Tin Tin rollen, eine ca. 20 km2 weite Ebene, stehen die großen Kakteen links und rechts zu tausenden, aufgereiht wie ein Heer.

Wir erreichen den hübschen Ort Cachi mit seinen weiß gepflasterten Strassen und weiß getünchten Lehmhäusern. Einen Tag vor Weihnachten ist der Ort wie ausgestorben, auf dem Municipal Camping lernen wir allerdings sofort andere nette Reisende kennen, mit denen wir die nächsten geruhsamen Tage verbringen. Da sind einmal Willi und Klaas aus Holland, jedoch mit ihrem Toyota schon 16 Jahren auf Reisen, die Schweizer Fredy und Daniela mit ihren drei süßen Mädchen haben jahrelang in Australien gelebt bevor sie ihre Reise in Südamerika antraten und Daisy und Tim, die mit ihren Motorrädern aus England angereist sind. Später trifft sogar noch ein nettes Paar aus Bielefeld ein, die allerdings nur wenige Tage bleiben. Gemeinsam feiern wir auf dem überaus schönen Campplatz - eine grüne Wiese unter schattigen Bäumen – Weihnachten und auch Silvester. Beides läuft ähnlich ab, wir sitzen zusammen um ein großes Feuer, auf dem Grill brutzeln leckere argentinische Steaks und dazu gibt es reichlich Wein, Bier und zum Jahreswechsel auch Sekt. Außerdem nutzen wir diesen Ort, um nach den anstrengenden Reisewochen, die wir seit La Paz hinter uns gebracht haben, mal wieder richtig auszuspannen. Olli macht sich an die seit sechs Monaten liegen gebliebenen Videos, ich komme mal wieder zum Lesen, wir arbeiten Dinge für das Internet auf, welche wir im Hotel nebenan online schalten können und erkunden den Ort. Cachi bietet mit seinen kleinen Läden, alles was man zum Leben braucht und der Ort selbst, vor allem der zentrale Platz, laden zum spazieren ein. Olli ist besonders begeistert vom Fleischer des Ortes. Es ist unser erster argentinischer Fleischer und ich habe Mühe ihn von den großen Fleischstücken in der Theke wegzureißen. Auch ein leckeres Bier hat Olli in Argentinien für sich entdeckt. Da er nur dunkles oder Starkbier trinkt, kommt ihm das Quilmes Bock gerade recht. Wir besichtigen das Freilichtmuseum ‚Todo Nuestro’, dass die ehemaligen Wohnhäusern der Calchaqui-Indianer sowie deren Werkzeuge zeigt, also auch Gebäude aus der Kolonialzeit.

Die Rallye Dakar, die seit 2009 in Südamerika stattfindet, ist vor einigen Tagen in Buenos Aires aufgebrochen und kommt uns nun entgegen. Gemeinsam mit Fredy und seiner Familie verlassen wir Cachi, um uns an der Ruta 40 einen geeigneten Stellplatz für das Spektakel zu sichern. Leider weiß niemand genau, wo die Teilnehmer lang fahren und so verbringen wir einen Tag mit Fragen und Suchen. Letztendlich trennen sich unsere Wege und während Fredy seine mittlerweile quengelige Jugendmannschaft aus dem Camper lädt, suchen wir weiter. Bei Molinos stoßen wir auf eine große Truppe Argentinier, die mit Fahnen und Dakar-Shirts auf dem Weg zu einem Stellplatz sind. Wir dürfen uns anschließen und folgen den anderen 10 Autos in ein abgelegenes Flussbett. Es heißt, hier soll die Rallye langgehen. Abends erleben wir argentinische Gastfreundschaft und werden zu einem riesigen Asado eingeladen. Professionell wird aus einem enormen Lagerfeuer Glut gehoben und unter die bereitgestellten Grills gelegt. Oben drauf kommen Berge von Fleisch und trotz geringer Würze ist der Geschmack des Asado so gut, dass uns bei der Erinnerung daran immer noch das Wasser im Mund zusammen läuft. Am nächsten Morgen gegen 9 Uhr – seit dem Morgengrauen haben kleine Grüppchen auf den Hügeln rund herum Posten bezogen – hören wir dann die ersten Motoren. Doch anstatt durch das Flussbett zu fahren, haben sich die Rallyeteilnehmer doch für die Schotterstrasse entschieden. Wir schnappen uns unsere Stühle und laufen den anderen hinterher und auf einen Hügel, von dem man sehr gut ein Stück Strasse einsehen kann. Zuerst sind es nur die Motorräder und Quats, doch als Olli und ich gerade unten an der Strasse stehen, schießt das erste Auto an uns vorbei. Es schliddert nur so über den Sand und fliegt fast aus der Kurve. Zumindest sieht es für uns so aus, doch der Touareg-Fahrer hat natürlich alles im Griff. Dann kommen endlich die großen Trucks und das sieht noch toller aus, denn auch die heizen richtig die Piste herunter. Den ganzen Tag sitzen wir in der prallen Sonne und sind völlig eingestaubt, doch das alles hat sich gelohnt, um dieses berühmte Rennen einmal live mit zu erleben.

Am nächsten Tag geht es durch Weinanbaugebiete zurück auf die Ruta 40 und weiter nach Süden. Man sieht noch deutlich die Spuren, die die Dakar hinterlassen hat. Wir fahren durch das herrliche Valles Calchaqies, ein ca. 100 km langes Tal. Im argentinischen heißt doppel-L übrigens nicht mehr j sondern sch, was uns immer noch ziemlich zu schaffen macht. Hier verkünden Schilder von den verschiedenen Quebradas (Schluchten), durch die wir fahren. Seltsam geformte Steine, vielfarbige Sedimentschichten und bizarr ausgebildete Felswände beeindrucken zu beiden Seiten. Dann erreichen wir Cafayate, wo wir zuerst tanken und dann noch eine Kleinigkeit einkaufen, um anschließend auf einen der vielen Campingplätze zu fahren. Uns wurde der ‚Luz y Fuerza’ empfohlen und hier auf dem zur Hochsaison wahrlich vollen Zeltplatz, treffen wir Willi und Klaas wieder. Der Platz ist nicht wirklich schön, doch es gibt Internet und das war unser Hauptargument hierher zu kommen. Außerdem ist Cafayate ein ganz angenehmer kleiner Touristenort. Alles ist gut zu erreichen und die Umgebung wunderschön. Weinreben erstrecken sich bis zum Fuß der Berge, die Cafayate zu zwei Seiten einschließen und in den vielen Weinkellereien kann man den guten Wein der Umgebung gleich probieren. Hier verbringen wir zwei arbeitsreiche Tage, die wir abends bei Steak und Wein mit den Holländern ausklingen lassen. Dann trennen sich unser aller Wege. Die Holländer ziehen weiter Richtung Mendoza, Robin wird nun langsam den Rückweg nach Salta und dann weiter nach Chile antreten und unser nächstes Ziel heißt Cordoba, denn hier gibt es laut Internet einen Nikon-Service, den wir nun schnellstmöglich aufsuchen wollen.