Tierra del Fuego – 5. bis 17. Februar 2011

Hinter Rio Grande beginnt das wirklich interessante Feuerland. Die vorher ebene und unspektakulär karge Landschaft wird nun leicht hügelig und wir sehen seit Wochen die ersten Wälder. In dem rauen Klima hier unten sind diese jedoch teilweise abgestorben. Weiße kahle Skelette bewachsen mit hellgrünen Bartflechten bedecken den Boden. Von früheren Siedlern ausgesetzte Biber haben ihr übriges dazu beigetragen, die Bäume auf Feuerland absterben zu lassen. Je weiter wir nach Süden kommen, umso schöner wird die Umgebung. Die Berge werden höher, die Wälder üppiger. Sie wachsen teilweise so dicht, dass man kaum hineinschauen kann. Hinter Tolhuin fahren wir entlang der grünen Ufer des Lago Fagnano, welcher mit über 100 km Länge, enorm ist. Sind wir heute Morgen noch im Nieselregen gestartet, so kommt jetzt die Sonne zum Vorschein und hebt so nicht nur unsere Stimmung sonder auch die Farben der Natur. Wir werden immer stärker an Alaska erinnert, denn nun tauchen in der Ferne auch erste schneebedeckte Bergspitzen auf. Wir steuern einen Picknickplatz kurz vor unserem eigentlichen Ziel – Ushuaia – an. Hier kann man kostenlos direkt neben einem kleinen Fluss campen. Links und rechts von uns stehen Granitfelsen, mehrere hundert Meter hoch, die uns winzig erscheinen lassen.

In der südlichsten Stadt der Welt, Ushuaia, werden wir von bunten Häusern, einem Hafen mit großen Kreuzfahrtschiffen und vielen Touristen empfangen. Der Ort liegt malerisch in einer Bucht des Beagle-Kanals. Hinter ihr türmen sich bis zu 1.500 m hohe Berge, deren Gipfel unter einer Schneedecke liegen. Die Gegend um Ushuaia wurde einst von Yahgan-Indianern bewohnt und 1870 entstand hier die erste Mission Feuerlands. Gerade in den letzten Jahren, ist die Stadt stark gewachsen. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, wie kalt und dunkel es hier im Winter wird. Doch jetzt ist Hochsaison und viele Reisende sind gekommen, um mit einem Schiff in die Antarktis zu starten. Auf dem Campingplatz oberhalb der Stadt treffen wir abermals auf Friedel und Peter, die allerdings gerade in Aufbruchstimmung sind. Wir nutzen ausgiebig das Internet, um neue Texte und Bilder hoch zu laden. Schon am nächsten Tag verlassen wir den teuren Stellplatz, parken das Auto in einer Seitenstrasse, doch anstatt ins Museum zu gehen, nutzen wir den warmen Tag und spazieren durch Ushuaias Strassen. Wir gehen Essen, kaufen Souvenirs und schreiben dutzende von Postkarten. Nachdem wir im Supermarkt noch einige Lebensmittel erstanden haben, fahren wir auf der anderen Seite von Ushuaia heraus und in den NP Tierra del Fuego.

Die letzte Nacht war es überraschend warm und heute Morgen zeigt das Thermometer schon 18 Grad. Wir haben wirklich unheimliches Glück mit dem Wetter, denn viele berichten auch im Sommer über Regen. Eine Schotterstrasse bringt uns bis zum Ende des NP und damit auch bis zum Ende der Ruta 3, dem so genannten „Fin del Mundo“. Natürlich muss das fotografisch festgehalten werden und als einige brasilianische Touristen mitbekommen, welche Strecke wir hinter uns haben, gibt es ein großes Händeschütteln und Umarmungen. Mir Sensibelchen stehen bei diesen Gratulationen doch wirklich die Tränen in den Augen. Die Wanderwege, die wir nun beschreiten, führen entlang einer blauen Lagune mit hohen, teilweise schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund, durch saftiggrünen Wald und glitzernde Flüssen. Die Ausblicke sind spektakulär. Während einer Kaffeepause im Camper lernen wir die deutsche Laura kennen, die wir gleich zu uns in den Camper einladen. Laura ist erst 20 und alleine in Argentinien unterwegs. Hut ab! Der kurze Wanderweg zur ‚Laguna Negra’, eigentlich ein Torfmoor, ist leider von dunklen Wolken überschattet, doch die Weiterfahrt zum ‚Rio Pipo’ wird wieder durch sonnige Strahlen erhellt. Eine Herde Wildpferde kreuzt unseren Weg und der Fluss selber schlängelt sich glitzernd durch saftig grüne Wiesen. Ein Traumplatz. Am Abend verlassen wir den Nationalpark, durchfahren Ushuaia und stellen uns noch einmal für mehrere Tage auf den Picknickplatz am Rio Olivia.

In Ushuaia versuchen wir Propangas zu bekommen. Beim Gasversorger möchte man aber von uns den doppelten Preis als ausgeschrieben und so verzichten wir. Auch die Wäsche bleibt ungewaschen, denn 7 € sind einfach zu viel für eine Maschine. In der Touristeninformation werden unsere Reisepässe mit dem Ushuaia-Stempel versehen und in einem Restaurant erledigen wir noch einmal Internettechnische Dinge. Dann verlassen wir die südlichste Stadt endgültig und fahren ca. 80 km weiter östlich wieder an die Ufer des Beagle-Kanals. Hier befindet sich u. a. die erste Farm Feuerlands, die Estancia Haberton. Thomas Bridges und seine Familie gründeten sie 1886, bewirtschafteten die 20.000 ha mit Schafen. Heute lebt man hier aber nicht mehr von der Schafswolle sondern vom Tourismus. Es gibt mehrere freie Campingplätze in dieser wundervollen Landschaft und auf einen davon wollen wir nun. Da kommt uns ein Truckcamper entgegen, der unserem ziemlich ähnlich sieht. Wir halten und lernen Carina und Oliver kennen, die vor fast zwei Jahren in den USA gestartet sind und nach einem kurzen Gespräch einigen wir uns darauf, gemeinsam den Abend zu verbringen. Aus dem einen Abend werden zwei Tage, dann müssen die beiden leider weiter.

Auch wir verlassen den ruhigen Platz am Fluss und fahren die Schotterstrasse weiter nach Südosten. Die Bäume werden immer höher und dichter und unsere Strasse windet sich auf und ab entlang des tiefblauen Kanals. Manchmal sehen wir am Straßenrand die für Patagonien so berühmten Lena-Bäume, die wie eine Fahne im Wind stehen. Beim Rio Moat und der gleichnamigen Estancia endet die Strasse dann vor einem kleinen Stützpunkt der Marine. Hier ist Feuerland für uns also wirklich zu Ende. Wir drehen um und fahren einmal mehr durch die großartige Landschaft zurück zur Estancia Haberton. Diesmal durchfahren wir die Tore der Farm, zahlen unseren Eintritt und bekommen dafür eine Führung über das Anwesen. Der junge Volontär erzählt uns die Geschichte des Ortes während er uns durch einen von Thomas Bridges angelegten Park, vorbei am Friedhof, durch den Schafschurschuppen, die ehemalige Werkstatt und den grünen Garten der heute hier lebenden Familie Goodhall, den Nachkommen der Bridges, führt. Nach einer Nacht auf dem Parkplatz besichtigen wir am nächsten Tag das hoch gerühmte Museum Acatushun. Wir haben Glück und bekommen die englische Tour von Alicia, einer Amerikanerin und Biologie-Studentin, von der Carina und Oliver schon geschwärmt haben. Sie ist hier natürlich in ihrem Element und beschreibt Exponate und Forschung wirklich sehr interessant. Das Museum wurde von der Biologin Natalie Goodhall eingerichtet und besitzt eine einzigartige Sammlung von Tierskeletten. Dabei handelt es ich vor allem um Tiere der Region, die draußen in der Bucht bei San Sebastian gestrandet sind. Dort zieht sich das Wasser bei niedriger Tide bis zu 11 km zurück. Wir lernen sehr viel über Delphine, Wale, Robben und Pinguine. Außerdem sehen wir den Prozess des Auskochens der Knochen und ich darf einer anderen Studentin beim Zusammensetzen von Delphinwirbeln helfen. Sie guckt ganz schön überrascht, als ich gleich mehrere richtige Teile zusammensetze. Nach unserem Besuch auf der Estancia verlassen wir den südlichsten Punkt unserer Reise und fahren nun wieder nach Norden.

Wir kommen mit Ach und Krach bis zur Tankstelle in Tolhuin, wo wir außer Benzin auch Wasser für unseren Campertank und Trinkwasser bekommen. In Rio Grande kaufen wir Lebensmittel und beim Gasversorger bekommen wir problemlos Propangas zu subventionierten patagonischen Preisen. Nach einigen Stunden im Internet einer Tankstelle fahren wir zur Bucht von San Sebastian. Auch wir wollen die zurückgezogene Tide und eventuell gestrandete Tiere sehen. Doch leider finden wir nicht die geeignete Zufahrt zum Wasser. Jeglicher Weg ist als Privat ausgeschildert und irgendwann von einem der vielen Ölturme, die hier stehen, versperrt. Seit Stunden umgibt uns wieder die flache, langweile Gegend mit gelbem Gras und die einzigen Lebewesen, die wir sehen sind Schafe, Rinder und Guanakos. Am Ende einer Schotterstrasse kurz vor dem Meer, parken wir das Auto einfach und schlafen auch hier. Abends können wir einen Fuchs beobachten, der den Strand nach etwas essbaren absucht. Am nächsten Morgen überqueren wir dann wieder die Grenze zurück in den chilenischen Teil Feuerlands, wo der berühmte Park ‚Torres del Paine’ auf uns wartet.