Argentiniens wunderbare Natur - 22. Februar bis 12. März 2011

Hinter der Grenze bei Cancha Carrera fahren wir auf der asphaltierten RN40 durch Nieselregen. Wir befinden uns jetzt wieder im Argentinischen Patagonien in der Provinz Santa Cruz. Unsere Benzinanzeige steht auf Alarm, doch bei der Estancia in Tapi Aike können wir auftanken (3,45 P/Liter). Wir entscheiden uns gegen die ungeteerte Abkürzung und nehmen stattdessen die etwas längere Strecke über Esperanza in Kauf um später von der anderen Seite in die Schotterstrasse einzubiegen. Hier suchen wir uns nahe der Strasse einen Stellplatz für die Nacht. Durch den Nieselregen ist der Lehmboden aufgeweicht und bleibt nicht nur Zentimeterdick an unseren Schuhen sondern brockenweise am Auto kleben. Am nächsten Morgen müssen wir miterleben, wie zwei deutsche Motorradfahrer den Kampf gegen diese Strasse aufgeben. Der Dreck setzt sich immer wieder zwischen Rad und Schutzblech fest, sodass das Vorderrad blockiert und das Motorrad samt Fahrer das ein oder andere Mal auf die Seite kippt. Zurück auf der geteerten RN40 spendieren wir den beiden erst einmal einen ordentlichen Kaffee. Unser Weg führt uns nun nach El Calafate, einer bunten Kleinstadt mit ca. 8.000 Einwohnern. Existenzrecht hat diese Touristenhochburg allein durch den 80 km entfernten Gletscher Perito Moreno, welcher im südlichen Teil des NP Los Glaciares liegt. Doch bevor wir dorthin aufbrechen begegnen wir erneut den Franzosen als auch Friedel und Peter. Wir lassen hier unsere Wäsche waschen, füllen den Kühlschrank und erledigen Dinge im Internet.

Es ist bereits 16 Uhr, als wir am nächsten Tag in den Park hineinfahren. Wir zahlen den wahnwitzigen Eintritt von für Ausländer 100 P, der letztes Jahr noch 75 P kostete und fahren weiter zum oberen Aussichtspunkt. Eigentlich gilt der Eintrittspreis nur für einen Tag und eigentlich darf man die Nacht nicht auf dem oberen Parkplatz, also nah beim Perito Moreno Gletscher verbringen. Doch das interessiert den Ranger nicht wirklich. Wir kommen ungehindert auf den kleineren oberen Parkplatz, wo wir das Auto abstellen und zu Fuß die künstlich angelegten Wege zum Gletscher beschreiten. Der Moreno Gletscher liegt im herrlichsten Sonnenschein vor uns. 60 m ragt die Gletscherwand am Ende der riesigen Eismasse vor uns auf. Es knackt und bricht in der blendend weißblauen Eisfläche und durch das Echo werden die kleinsten Geräusche zu ohrenbetäubenden Donner. Ein unvergessliches Erlebnis. Natürlich warten alle gespannt darauf, dass der Gletscher kalbt, also, dass Eisberge von der Gletscherwand in den ‚Canal de los Tempanos’ abbrechen und das tut er dann auch bei dieser intensiven Sonneneinstrahlung. Bis in die Abenddämmerung sitzen wir staunend vor diesem Naturschauspiel bevor wir uns in den Camper zurückziehen. Nachts hören wir immer wieder das Gewittergrollen des Eises.

Am nächsten Nachmittag verlassen wir den NP kurz, um etwas südlich zum Lago Roca zu fahren. Dieser liegt ebenfalls im Park, doch hier muss man keinen Eintritt mehr zahlen. Die Landschaft ist sehr schön und auf dem kostenlosen Campingplatz treffen wir sogar auf unseren alten Freund Robin, der verschlafen aus seinem nun wieder intakten VW Bulli springt. Es gibt viel zu erzählen und wir verbringen den recht kühlen Abend im Camper. Doch unsere Wege trennen sich wieder, denn Robin war noch nicht am Gletscher und wir wollen zurück nach El Calafate. Und dort fahren uns gleich Jenny und Ben über den Weg. Leider sind die beiden gerade im Aufbruch, denn sie haben bereits die letzten Tage hier verbracht. Allerdings nennen sie uns noch ein kleines Hostal, wo man günstig stehen und sogar noch das Internet nutzen kann. Der hübsche Garten neben dem pinkfarbenen Hostal ist leider im argentinischen Stil zugemüllt, doch die Familie ist sehr nett und wir beschließen einige Tage zu bleiben. Wir bringen die Website auf den neuesten Stand, sortieren Bilder aus, spazieren durch die hübsche Stadt und an der neuen Promenade entlang. Dann treffen Yvonne und Rafael aus der Schweiz mit ihrem Toyota ein. Zwar haben wir die beiden vorher noch nicht persönlich kennen gelernt, doch schon mehrere E-Mails ausgetauscht. Gemeinsam „grillieren“ wir und verbringen einen unterhaltsamen Abend vor dem Feuer.

Von El Calafate fahren wir nach El Chaltén, das Eingangstor zum nördlichen Parkteil ‚Los Glaciares’. Die karge Landschaft wird durch die blauen Seen und die Schneeberge dahinter interessant. Das kleine Touristenstädtchen El Chaltén wurde erst 1985 zwischen den Bergen aus dem Boden gestampft. Denn gleich hinter dem bunten Ort befindet sich die wunderbare Gletscherlandschaft um den berühmten Fitz Roy (Kapitän der Beagle). In der Touristeninformation erhalten wir eine Karte des Parks mit allen Wanderrouten und gleich am nächsten Morgen geht es los. Wir haben uns die 11 km entfernte Laguna Torre zum Ziel gesetzt. Nach einer Stunde sind wir am ersten Mirador, wo wir eine längere Pause machen und anschließend zum Fluss absteigen. Die Gegend ist traumhaft und dazu kommt ein wolkenlos blauer Himmel. Der weiße Gletscher und die Granitfelsen sind die ganze Zeit vor uns. Wir laufen durch Buchenwälder, dann wieder durch trockene, steinige Landschaft, überqueren Brücken und erklimmen so manche Steigung. Nach etwas mehr als 3 Stunden haben wir das Ziel erreicht und sitzen direkt vor der milchiggrünen Lagune. Auf der anderen Seite des perfekt runden Sees fließen die Gletscher Grande und del Torre ins Wasser. An diesem Abend sind wir natürlich wie gerädert, doch leiden am nächsten Tag dank ausgiebiger Dehnübungen nicht unter Muskelkater. Am nächsten Tag fahren wir die 45 km zum Lago Desierto. Der See selber ist eher unspektakulär, doch die Schotterstrasse dorthin führt uns durch eine unglaublich schöne Landschaft. Der Fluss auf unserer rechten Seite teilt sich ab und zu und ist von einer unbeschreiblichen Farbe. Wie ein grünblaues Band schlängelt er sich durch das Tal. Hinter uns erhebt sich majestätisch der Fitz Roy und neben dem Fluss steigt ein massiver Granitberg in den Himmel. Weiter hinten wird es etwas hügeliger, die Strasse windet sich in kleinen Kurven. Manchmal fahren wir direkt auf Wasserhöhe mit dem blauen Fluss zu einer Seite und grünen Sumpfgewässern auf der anderen. Wir entdecken einen schönen Stellplatz direkt am Wasser, wo wir uns einen Tag Pause gönnen. Und hier ereilen uns zwei Probleme. Anscheinend sind meine Wanderschuhe etwas zu klein, denn ich habe nun einen dunkelblauen Zehnagel, der mich noch Wochen später an die Wanderung erinnern soll. Außerdem verlieren wir die wunderbaren Bilder der letzen Tage, denn nachdem ich alles sorgfältig auf unsere externe Festplatte übertragen habe, funktioniert diese am nächsten Tag nicht mehr.

Als wir diesen Stellplatz verlassen, hat das Wetter umgeschlagen und wir fahren durch Nieselregen. Richtung El Chaltén wird es zwar etwas besser, und wir besuchen noch den Wasserfall ‚Chorillo del Salto’, doch das Fitz Roy Massiv zeigt sich nicht mehr. Auf dem Weg nach Tres Lagos ist es sehr windig. Wir sind nun wieder auf der RN40, die hier unasphaltiert ist. In Tres Lagos tanken wir auf (3,75 P/Liter) und füllen den Wassertank, dann geht es durch eintönige Landschaft weiter nach Norden. Auf diesen Strecken sind unsere Hörbücher Gold wert. Ab und zu kommt mal eine Estancia und immer wieder Tiergatter. An einem dieser Gatter reißen wir uns einen Reifen auf. Super, Reifenwechsel im Nirgendwo. Als wir aussteigen, merken wir erst einmal, wie heftig der Wind weht. Schon 20 km weiter finden wir an einer Kreuzung einen windgeschützten Stellplatz für die Nacht. Am nächsten Tag geht es weiter durch die Tristesse. Die Landschaft hat auch ihre schönen Seiten, wie farbige Berge in der Ferne, doch ständig dasselbe wird halt auf die Dauer auch langweilig. Man sieht mehr tote Tiere auf der Strasse, als lebendige. Das trifft natürlich nur auf die wenigen geteerten Abschnitte der RN40 zu. Von ca. 300 km fahren wir ungefähr 100 km auf Asphalt und wir atmen jedes Mal entspannt auf, wenn der Schotter zu Ende ist. Besonders abartig ist, dass neben uns die ganze Zeit die neue RN40 mit einer dünnen Asphaltschicht verläuft, auf die wir nicht drauf können. Wir haben keine Ahnung, was die Argentinier sich hier wieder einfallen haben lassen. Warum kann nicht Stück für Stück freigegeben werden, warum müssen 1000 km in einem gebaut werden? Wieder bricht uns auf diesem Schotter eine Feder. Gleiche Seite, gleiches Paket. Bajo Caracoles ist nicht mehr als eine kleine Häuseransammlung mit einer Tankstelle. Wir fragen gar nicht erst, ob sie Benzin haben, denn der Preis liegt bei 4,19 P/Liter und wir haben noch reichlich. Kurz vor Perito Moreno haben wir wieder Asphalt unter uns und die Berge werden rot, gelb und rosa. Sieht toll aus. Die Stadt selbst liegt in einem Tal und ist größer als wir dachten. Überall sind hohe Pappeln zum Schutz vor dem starken Wind angepflanzt. Wir suchen einen Mechaniker wegen unserer gebrochenen Feder. Bei einer größeren Werkstatt will man uns weismachen, dass es hier nicht repariert werden kann, kein Material. Wir müssten 120 km nach Las Heras fahren. Am Ende fällt dem Einen dann doch noch ein, dass ein Freund von ihm vielleicht helfen kann.

Und Daniel kann uns nach einigem Hin und Her wirklich helfen. Wir schlafen gleich in seinem Garten und am nächsten Tag wechseln Olli und er die Blattfeder aus und verstärken überdies noch beide Pakete. Am Abend werden wir eingeladen und genießen mit Daniels Familie Lamm a la plancha und Wein aus dem Schlauch. Am Morgen sehen wir in Daniels Küche die schrecklichen Bilder vom Erdbeben in Japan. Nach einer letzen Runde Mate verabschieden wir uns und fahren weiter zu einer Gomeria. Hier betrachtet man argwöhnisch unseren kaputten Reifen und will ihn eigentlich gar nicht mehr reparieren. Doch Olli drängt darauf, einen Schlauch einzuziehen, denn wir brauchen den Reifen zumindest noch als Ersatz. Laut Reiseführer liegt die abenteuerlichste Strecke – die chilenische Carretera Austral – vor uns. Mit dem geflickten Reifen auf dem Rücksitz erledigen wir noch schnell einige Dinge im Internet und verlassen dann den Ort Perito Moreno. Kurz dahinter erstreckt sich der riesige Lago Buenos Aires. Er ist Teil des zweitgrößten Südamerikanischen Sees und hat eine wunderschöne azurblaue Farbe. Direkt an seinem Ufer finden wir einen windgeschützten Platz für die Nacht bevor wir am nächsten Tag die Grenze nach Chile passieren.