Carretera Austral – 12. bis 22. März 2011

Wieder einmal wechseln wir von Argentinien nach Chile und bringen beide Grenzen innerhalb einer Stunde hinter uns. Am chilenischen Posten hatten wir eine Auszubildene im Auto, die wirklich fast alle Schränke geöffnet und an allen Tütchen gerochen hat. Der Verlust hält sich aber trotzdem in Grenzen. Der Ort, in dem wir chilenischen Boden betreten heißt Chile Chico (Kleines Chile) und ist ein gepflegtes, buntes Dörfchen. Hier füllen wir gleich unseren Kühlschrank auf. Beim Bankautomaten haben wir allerdings kein Glück und müssen nun auf unsere Pesos vom letzten Chileaufenthalt zurückgreifen. Nachdem wir Chile Chico noch einmal hoch und runter gefahren sind, vom Hausberg einige Bilder gemacht haben, geht es entlang des riesigen Sees weiter in Richtung Westen. Hier heißt der See mit der tollen Farbe nun Lago General Carrera. Es ist Chiles größter See und wir umfahren ihn komplett. Da die Sonne heute wieder ihr bestes gibt, stoßen wir jedes Mal wenn wir um eine Kurve biegen, wieder ah und oh Seufzer aus. Die Farbe des Wasser liegt zwischen türkis und dunkelblau und die Berge scheinen auf seiner Oberfläche zu schwimmen. In der Ferne erkennen wir Schnee bedeckte Gipfel, während wir die geschotterte Strasse entlang rollen. Als die Sonne sich senkt, treffen wir die beiden deutschen Motorradfahrer Christian und Reinhold wieder, denen wir vor einigen Wochen in Ushuaia begegnet sind. Sie haben ihr Zelt in Puerto Guadal stehen, wo auch wir einen Stellplatz für die Nacht suchen und finden.

Beim Verlassen des Ortes, laden wir zwei israelische Mädchen ein. Die beiden erzählen uns, dass sich viele Touristen einen Sport daraus machen, die Carretera Austral entlang zu trampen. Auch wir sind wegen dieser berühmten Route hier, die sich von Puerto Montt bis ins 1.200 km weiter südlich gelegene Villa O’Higgins erstreckt. Als wir dann kurz darauf von der 265 auf die eigentliche Carretera Austral abbiegen, treffen wir abermals auf Reisende und stoppen für einen kurzen Informationsaustausch. Die beiden deutschen mit dem Bulli kommen aus der entgegengesetzten Richtung und unsere Wege werden sich wohl nicht mehr kreuzen, doch die deutsche Radlerin Nina treffen wir in Zukunft noch öfter. Weiter geht es am westlichen Seeufer entlang, nun auf einer eher schlechten Piste. Doch der Blick auf den See entschädigt uns für das Gehoppel. Das Bauprojekt Carretera Austral wurde 1976 unter Pinochet begonnen, der teilweise Soldaten dafür einsetzte. Der Straßenbau war sehr schwierig, da das Gelände von Fjorden, Gletschern und Gebirgen durchzogen ist. In 20 Jahre wurden ca. 200 Millionen US-Dollar in den Bau der Strasse gesteckt und selbst heute sind einige Teile der Strecke noch nicht mit dem Auto befahrbar und man muss in eine Fähre umsteigen. In Puerto Rio Tranquilo verabschieden wir uns von Gal und Awiw, stoßen aber dafür wieder auf Christian und Reinhold. Hier in diesem winzigen Ort am Seeufer gibt es eine ganz besondere Attraktion, die Marmorhöhlen. Diese sind nur per Boot zu erreichen und für solch eine Bootstour verabreden wir uns mit den beiden für den nächsten Morgen. Mit einem kleinen Motorboot werden wir vier über den riesigen, milchigtürkisen See geschippert. Leider ist es heute bedeckt, doch die niedrigen Höhlen sind trotz allem sehr eindrucksvoll. Besonders imposant ist die ‚Capilla de Marmol’, ein großer Marmorfelsen mitten im Wasser. Unser Bootsführer lenkt das Boot mitten hindurch, so dass wir uns fast die Köpfe an den herunter hängenden Steinspitzen stoßen. Auch andere Felsen stehen im Wasser und erinnern an die berühmten James Bond Felsen in Thailand. Nach ca. 2 Stunden sind wir wieder an Land, verabschieden uns von den beiden Motorradfahrern und machen das Auto startklar.

Beim Verlassen von Puerto Rio Tranquilo sammeln wir abermals ein israelisches Pärchen auf. Der Himmel zieht sich immer weiter zu, die Strasse wartet mit Schlaglöchern auf und trotzdem machen wir ab und zu für einen Fotostopp Halt. Am Abend erreichen wir das Dorf Villa Cerro Castillo, was nicht nur wegen seines Hausberges, den Cerro Castillo sondern auch aufgrund seiner guten Burger bekannt ist. Diese gibt es in zwei zusammen geschweißten Bussen an der Hauptstrasse. Ansonsten ist Villa Cerro Castillo eher eine traurige Häuseransammlung, als ein Dorf. Bevor wir am nächsten Morgen mit Gal und Deckel weiterfahren, stößt der deutsche Radler Martin noch zu uns. Wir hatten ihn bereits kurz in El Calafate getroffen. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs und dass wir auch ihn in Zukunft noch mehrmals treffen werden, zeigt, dass wir nicht gerade die Schnellsten sind. Heute ist das Wetter sogar noch schlechter. Es nieselt in einer Tour. Am Nachmittag erreichen wir Coihaique. Mit ca. 36.000 Einwohnern ist Coihaique die größte Stadt entlang der Carretera Austral. Am zentralen Platz – dem einzigen fünfeckigen in ganz Chile - lassen wir die beiden raus, um anschließend unsere Einkäufe zu erledigen. Als wir mit vollen Tüten zum Auto zurückkehren, haben wir einen Zettel von Jenny und Ben unterm Scheibenwischer. Sie wohnen unweit von hier in einem Hostal und kurz darauf treffen wir die beiden dort. Zu viert verleben wir einen netten Abend im Camper. Die beiden werden hier ihre Reise beenden und sind gerade dabei, ihr Auto zu verkaufen.

Auch den nächsten Tag verbringen wir in Coihaique. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Jenny und Ben setzen wir uns an den Rechner. Wir haben den Stellplatz gewechselt und stehen nun vor einem Hostal, dessen Internet wir nutzen können. In diesem Hostal wohnen Nina, Martin und Reinhold, denen es im Zelt zu nass und zu kalt geworden ist. Es regnet nämlich schon wieder. Allerdings überrascht uns das nicht, denn diese Seite der Anden ist für sein nasses Klima bekannt. Die vom Pazifik kommenden Wolken, regnen sich vor den hohen Gipfeln ab und man muss schon ziemliches Glück haben, um hier durchgängig Sonnenschein anzutreffen. Dann heißt es Abschied nehmen. Während Jenny und Ben nun zurück nach Deutschland fliegen, führt uns unser Weg weiter nach Norden. Vor und hinter Coihaique ist die Carretera Austral asphaltiert und hat wenig mit Abenteuer zu tun. Doch nach einem kurzen Zwischenstopp in Puerto Aisen und dem dazugehörigen Hafen Puerto Chacabuco, entdecken wir den wirklich interessanten Teil der Carretera Austral. Bei Villa Amengual – wo wir einmal mehr auf Martin treffen und eine Teepause einlegen - fahren wir über einen Pass und dahinter ist die Asphaltstrasse abrupt zu Ende. Auf einer schmalen Schotterstrasse geht es jetzt durch dicht bewachsenen Wald. Hohe Bäume, Farne und Mammutblatt drängen sich in unseren Weg und wir fühlen uns wie auf unbetretenen Pfaden. Leider nieselt es noch immer, doch das kann dem großartigen Bild nichts anhaben. Gerade mit diesen grauen Wolken leuchten die Blüten der Fuchsie umso intensiver. Die Spitzen der Granitfelsen zu beiden Seiten liegen in den Wolken, doch von überall strömt das Wasser wie weiße Bänder von den Bergen. Irgendwann ist die Strasse gesperrt und eine kleine Fähre bringt uns parallel zur Strasse nach Puyuhualin mit seinen hübschen Häuschen. Dieser Ort hat deutsche Wurzeln, doch wir fahren hindurch. Erst in La Junta legen wir eine Tankpause ein und übernachten kurz hinter dem Ort in einer verlassenen Kiesgrube.

Wir schlafen lange und haben bei dem Regenwetter eigentlich gar keine Lust loszufahren. Es regnet ununterbrochen und hinzukommt, dass nun auch noch unsere Scheibe beschlägt. Wir können so viel putzen, wie wir wollen, es wird nicht besser und wir fragen uns langsam, ob es an der preiswerten Windschutzscheibe aus Ecuador liegt. Außerdem riecht es eigenartig chemisch aus der Lüftung, was wir auf das Fensterputzmittel schieben. Bei Villa Santa Lucia biegen wir dann nach Chaitén ab. Hier wird der Wald noch dichter, wenn das überhaupt geht. Wir fahren bergab immer einem Fluss folgend und von grünem Farnen, Bambus und Wasserfällen umringt. Als es wieder flacher wird, kommen wir in eine ziemlich lange und üble Baustelle. Die Strasse ist nur so gespickt mit Schlaglöchern durch die Olli das Auto mit 10 km/h hindurchmanövriert. In Chaitén angekommen, hat der Regen endlich aufgehört. 2008 wurde die kleine Stadt aufgrund des Vulkanausbruchs unter einem Lahar begraben. Der durch die Stadt fließende Rio Blanca bahnte sich einen neuen Weg, was abermals Verwüstung zur Folge hatte. Heute steht der benachbarte Vulkan Chaitén wieder ruhig neben dem Ort, doch ihm ist nicht zu trauen. Die Regierung beschloss darum, 10 km weiter nördlich die Küste hinauf, ein neues Chaitén zu gründen. Man sieht im Ort noch immer riesige Ascheberge, die hier zusammen geschoben an das Unglück vor fünf Jahren erinnern. Wir fahren einmal durch Chaitén hindurch und dann weiter zum Strand Santa Barbara, wo wir uns auf ein Picknickgelände stellen. Hier schwimmen mehrere Delphine in der Bucht und zu unserer großen Überraschung lässt sich seit Tagen auch mal wieder die Sonne sehen.

Zurück in Villa Santa Lucia nehmen wir nun die Rute zur Chilenischen Grenze, die noch 60 km entfernt ist. Den Kühlschrank haben wir wieder leer gegessen, den Tank fast leer gefahren und je näher wir der Grenze kommen, umso schöner wird das Wetter. Im Fußraum entdecke ich eine grüne Flüssigkeit und weise Olli darauf hin. Nun ist uns klar, warum die Lüftung nicht funktioniert und es so gerochen hat. Der Wärmetauscher für die Heizung ist undicht. Wir schalten sofort alles ab, doch Olli lässt es keine Ruhe und so halten wir kurz nachdem wir von unserem letzten Stellplatz aufgebrochen sind, schon wieder an und Olli versucht den Kreislauf zu überbrücken. Mehrer Stunden stehen wir am Straßenrand und mangels Teilen klappt es nicht, so wie er sich das vorgestellt hat. Ein argentinisches Pärchen hält neben uns. Sie sind schon zum zweiten Mal an uns vorbeigefahren und da wir immer noch mit offener Motorhaube hier stehen, fragen sie nun, ob sie helfen können. Guillermo hat Ahnung von Autos und rät Olli, die beiden Schläuche zur Überbrückung lieber wieder zurück zu montieren. Er gibt uns ein Reparaturset mit Metallspänen, die wir nach Warmlaufen des Motors ins Kühlwasser geben sollen. Wir bedanken uns – die beiden müssen schnell weiter – und machen, wie uns geheißen. Es funktioniert. Die Tropfen im Fußraum versiegen, der Geruch ist nach einer Weile auch nicht mehr da und wir rollen glücklich und geschwind auf die Grenze zu, die in einer Stunde schließt. Auf chilenischer Seite wickelt ein lustiger Kerl innerhalb 2 min unsere Papiere ab und schon können wir weiter zur argentinischen Behörde. Auch hier sind die Formalitäten schnell erledigt, nur ein penetranter Grenzer, der sein Englisch an uns ausprobieren möchte, kostet uns extra lange Minuten. Keine 2 km hinter dem argentinischen Grenzposten finden wir einen tollen Stellplatz an einem großen Fluss.