Orcamania - 22. März bis 5. April 2011

Nachdem wir die Nacht direkt hinter dem Grenzübergang verbracht haben, fahren wir am Morgen über eine Schotterpiste in den nächstgelegenen Ort Trevelin. Ich habe mir eine Erkältung eingefangen und fühle mich ziemlich platt. Auf der Schotterstrasse überholen wir den deutschen Radfahrer Jan, den wir schon auf der Carretera Austral mehrmals getroffen hatten. Diesmal wird es wohl ein Abschied für immer. Denkste Puppe! Kurz danach rollt er wieder an uns vorbei, denn wir sind mal wieder mit Reifenwechseln beschäftigt. Mittlerweile ist das für uns reine Routine, Wagenheber unters Auto, hinteres Rad runter, besseres Rad von vorne nach hinten, Ersatzreifen vom Dach und vorne drauf. Nach 30 min können wir weiter. Trevelin ist angenehm klein und sehr gepflegt. Der Supermarkt La Anonima, etwas außerhalb, befindet sich leider noch in der vierstündigen Mittagspause und so fahren wir erst einmal den preiswerteren Argentinischen Sprit tanken. Zufällig kommen auch Mariel und Guillermo an dieser Tankstelle vorbei und wir können uns noch einmal für ihre Hilfe bedanken. Wir verabreden uns gleich für den Abend. Nach dem Einkauf im La Anonima fahren wir zur Touristeninformation, die sich mitten auf dem großen, jedoch ruhigen Kreisverkehr befindet und ein freies WiFi anbietet. Der freundliche Mitarbeiter ist so nett, für uns auf der Peninsula Valdés anzurufen, um zu erfahren, ob dort Orcas gesichtet wurden. Wir bekommen einen positiven Bescheid und damit steht unsere Entscheidung fest, wir fahren noch einmal an die Ostküste, um dort eventuell diese schönen Tiere mit eigenen Augen zu sehen. Wieder laufen uns die beiden Argentinier über den Weg und nun laden wir sie in unseren Camper ein. Beim gemütlichen Bier, klopft es an der Tür und ein weiteres bekanntes Gesicht steht davor. Martin, der Radler aus El Calafate hat uns abermals eingeholt. Auch er passt noch in den Camper. Später bestellen wir Pizza, die wir in Mariels und Guillermos Cabaña mit ausreichend Wein und Bier vertilgen. Wir trennen uns von Martin, der in den nächsten Tagen schon zurück nach Deutschland fliegt und auch von den beiden lieben Argentiniern mit dem Versprechen, sie in Buenos Aires wieder zu sehen.

Von Trevelin legen wir ca. 30 km bis nach Esquel zurück. Auch diese Stadt erscheint uns einladend und aufgeräumt. Eigentlich sind wir auf der Suche nach neuen Reifen, doch wir haben ein schlechtes Timing. Heute ist Feiertag und mit dem morgigen Brückentag bedeutet dies, dass die Geschäfte die nächsten vier Tage geschlossen haben. Trotzdem klappern wir mehrere Läden ab, nur um festzustellen, dass alle ihre freien Tage nutzen. Da uns sonst hier nichts mehr hält, machen wir uns auf die RN25, die Argentinien von West nach Ost verbindet und uns nach Valdés bringen wird. Die Sonne ist uns hold und wir fahren bei strahlend blauem Himmel durch wenig abwechslungsreiche Landschaft. Das Aufregendste, was uns hier begegnet ist eine riesige Spinne, die vor uns über die neue Teerstrasse rennt. Nur winzige Ortschaften liegen an der Strecke und in einer von diesen lassen wir den kaputten Reifen flicken. Ab der Mitte der Strecke beginnen farbenprächtige Felsformationen die Strasse zu säumen, die in der Abendsonne noch intensiver leuchten. Alles ganz im Capitol Reef Style. Auf einem einsamen Picknickgelände verbringen wir eine ruhige Nacht, bevor es am nächsten Morgen weitergeht. In der großen Stadt Trelew angekommen, suchen wir sofort den uns bekannten Gasversorger auf. Doch auch dieser hat genau wie diverse Reifenhändler geschlossen. Dann finden wir doch noch einen offenen Händler, der unsere Reifen allerdings für 400 US$ das Stück anbietet. Etwas verstört beschließen wir erst einmal auf die Peninsula Valdés zu fahren und uns später um Reifen und Gas zu kümmern. In Puerto Madryn, wo wir auch nur auf geschlossene Reifenhändler stoßen, können wir wenigstens unseren Kühlschrank für das Peninsular auffüllen.

Auf dem Weg zur Halbinsel beginnt es zu nieseln und als wir den Eingang passieren, ist es bereits stockduster. Ein deutscher Landrover überholt uns mit rasender Geschwindigkeit kurz bevor wir den einzigen Ort der Halbinsel erreichen, Puerto Pirámides. Kurz entschlossen halten wir neben dem Landrover und lernen so Wolfgang kennen, der alleine unterwegs ist und sich uns gleich anschließt. Wir übernachten auf dem freien Stellplatz für Wohnmobile direkt am Wasser, wechseln jedoch auf den Campingplatz, der windgeschützt hinter Büschen liegt. Ein starker patagonischer Wind hatte nämlich nachts arg an unseren Autos geschaukelt. Wolfgang ist zum ersten Mal auf Valdés und gemeinsam fahren wir am nächsten Tag die große Runde über die Insel. Um diese Jahreszeit sind nicht so viele Besucher, wie zuvor im Januar unterwegs und wir sind fast alleine an den Aussichtspunkten. Das soll sich allerdings ändern, als wir zum Punta Norte kommen. Hier erwartet man das Erscheinen der Orcas, die sich an dieser Küste der Halbinsel zum jährlichen Fressen einfinden. Die Orcas jagen von Mitte Februar bis Mitte April Seelöwenbabys, die im Januar geboren wurden. Orcas jagen fast ausschließlich die Babys, da ausgewachsene Seelöwen wahrscheinlich zu groß und vor allem im offenen Meer zu wendig sind. Die Seelöwenbabys schwimmen dagegen im flachen Wasser, was den Orca zwingt, an ‚Land zu kommen’ oder im Fachjargon zu ‚Beachen’. Wenn die arglosen Kleinen also im Wasser sind, erzeugen sie dabei ein ganz bestimmtes Geräusch auf dem Strand, was den Jäger anlockt. Außerdem hängt das Erscheinen der Orca-Delphine noch von drei weiteren Faktoren ab. Erstens muss das Wetter stimmen, also Wind und damit Wellengröße. Zweitens jagen die Orcas nur vor und nach der hohen Tide und drittens das Fressverhalten der Orcas selbst. Denn es ist keinesfalls garantiert, dass der Orca Lust auf Seelöwen hat.

Wir stehen also mit den anderen Touristen am Mirador und wollen – so makaber, wie das ist – den Orcas beim Jagen der Seelöwen zuschauen. Zwei junge Orcas schwimmen ca. 400 m von uns entfernt vor der Küste im „Attack Channel“. Wie der Name schon sagt, ist dies der Platz, wo am häufigsten angegriffen wird. Darum sitzen dort die professionellen Fotografen, die für diesen auserwählten Platz eine Menge Geld hinlegen. Wir als normale Zuschauer müssen hier beim Mirador bleiben und es sei auch jedem angeraten sich an diese Begrenzung zu halten. Wir haben miterlebt, wie Besucher von der Halbinsel verwiesen wurden, weil sie sich in unerlaubtem Terrain bewegten. Außerdem mussten sie sämtliche Fotos löschen. Leider kommen die beiden Jungtiere an diesem Tag nicht näher und wir müssen uns mit dem Blick durchs Fernglas begnügen. Trotzdem erleben wir eine Attacke der Orcas mit. Auch am nächsten Tag fahren wir mit Wolfgang nach Punta Norte, doch diesmal lassen sich die Orcas überhaupt nicht blicken. Wolfgang, der noch Ushuaia vor sich hat, sitzt die Zeit ein wenig im Nacken und so verabschieden wir uns nach zwei wunderschönen gemeinsamen Tagen. Olli und ich fahren nun mit unserem eigenen Fahrzeug die 80 km Schotter nach Punta Norte, immer in der Hoffnung, dass unsere maroden Reifen das noch mitmachen. Da wir mittlerweile zwei hohe Tiden pro Tag erleben dürfen, bleiben wir gleich oben und fahren erst im Dunkeln zurück nach Puerto Pirámides. Nicht nur Orcas sind eine Attraktion am Punta Norte, es gibt auch mehrere Graufüchse und uns begeistern immer wieder die kleinen Gürteltiere, die ganz ungeniert in Taschen mit Essen herumwühlen. Nach zwei Tagen mit unserem Camper, haben wir doch wirklich zwei kaputte Reifen, die wir bei der Tankstelle reparieren lassen können. Nun wird es wirklich höchste Zeit für neue Reifen. Zum Glück haben wir für die nächsten Tage eine Mitfahrgelegenheit. Der Japaner Massa nimmt uns sowie Sicky aus Barcelona in seinem Mietwagen mit. Massa ist noch verrückter als wir und gemeinsam brechen wir morgens kurz nach fünf Uhr auf, fahren gegen 10 Uhr zurück, um abends noch einem loszufahren.

Wir erleben wunderbare Sonnenaufgänge und zur Krönung werden wir an einem Morgen damit belohnt, dass die Orcas direkt unterhalb des Mirador jagen. Olli, der als erster am Aussichtspunkt ist, wedelt uns ganz aufgeregt mit den Armen zu. Wir rennen los. Nur 10 m unter uns tummeln sich vier Orcas und jagen auch schon fleißig. Inzwischen ist nämlich die ganze Orcafamilie nachgekommen. Insgesamt sollen es 9 Tiere sein. Leider ist es für gute Fotos noch zu schummrig, doch das Erlebnis die schönen Tiere so nah zu sehen, ist einmalig. Abends sind die Orcas nicht so aktiv wie am Morgen, trotzdem wird es nicht langweilig. Wir beobachten zum Beispiel, wie die Seelöwen gejagt und aufs offene Meer gezogen werden. Dort teilt sich dann die Orcafamilie das Mahl. Ein riesiger Macho (Männchen) schwimmt mit seiner enormen Finne stets im offenen Meer und jagt selbst überhaupt nicht. Manchmal sieht man ein gefangenes Seelöwenbaby hoch durch die Luft fliegen, wenn die Orcas damit spielen oder um es zu töten. Zuweilen wird ein gefangenes Seelöwenbaby im offenen Meer freigelassen. Hoffnungsvoll versucht es an den Strand zu gelangen, doch das Freilassen dient nur dazu, die kleinen Orcas zu trainieren. Ganz oft sehen wir wie die Orcas nur zu Trainingszwecken auf den Strand kommen. Sie zeigen ihren Jungen, wie man raus und vor allem wieder zurückkommt. Es ist nicht ungefährlich für die tonnenschweren Tiere sich auf den Strand spülen zu lassen und sie müssen heftig kämpfen, um sich vom Kies wieder ins Wasser zu robben. Man bedenke auch, wie viel Gewicht sie auf einmal tragen müssen. Es ist für uns auf jeden Fall ein einmaliges Schauspiel und wir sind überglücklich noch einmal nach Valdés gekommen zu sein. Nach einer knappen Woche verlassen wir die Halbinsel und entdecken kurz vor Trelew ein großes Michelin-Reifencenter. Hier erstehen wir zwei neue Reifen von Bridgestone und zwar zu einem halbwegs vernünftigen Preis. In Trelew füllen wir unsere beiden Gasflaschen sowie unseren Kühlschrank auf, denn mit den neuen Reifen geht es nun nicht ausschließlich über die asphaltierte RN25 zurück sondern stattdessen auf Schotter entlang des Rio Chubut.

Diese Strecke wurde uns von Willi und Klaas empfohlen und wird nach einigen tristen Kilometern wirklich sehr interessant. Wie schon zuvor erstrecken sich links und rechts der Strasse gigantische Felsformationen in allen Farben und dann steht plötzlich ein gewaltiger Felsbrocken mitten in der Landschaft. Er wird ‚Piedra Parada’ genannt und ist bestimmt 200 m hoch. Gleich daneben gibt es einen Naturpark, wo man an mehreren schönen Stellen direkt am Rio Chubut stehen kann. Hier bleiben wir zwei ganze Tage, umwandern den mystischen Felsen, arbeiten abwechselnd am Rechner und Olli repariert eine kaputte Jalousie und den Badezimmerschrank, eine Lampe und einen Lautsprecher. Durch die Off-Road-Strecken wird schon mal das Ein oder Andere beschädigt. Bevor wir diesen idyllischen Ort verlassen, besichtigen wir noch eine tiefe Schlucht auf der anderen Seite des Flusses und dann geht es weiter über Schotter zurück nach Esquel.