Wiedersehen und Abschied – 5. Mai bis 22. Juni 2011

Wir verlassen Chile auf demselben Weg, den wir gekommen sind. Diesmal müssen wir zu der Grenzkontrolle auf argentinischer Seite, wo Aus- und Einreise abgewickelt werden. In der großen Halle ist zum Glück wenig los und wir sind zügig mit den Formalitäten durch. Die Grenzbeamten sind jedoch nicht sehr freundlich, genau wie der Gendarm, der uns kurz hinter der Grenze stoppt und wissen möchte, was wir in unserem Camper nach Argentinien schmuggeln. Bei solch neugierigen Polizisten kann man schnell die Nerven verlieren, doch wir gönnen auch diesem einen Blick ins Innere, bevor wir weiter nach Uspallata rollen. Hier treffen wir auf die französische Familie, der wir im Süden Argentiniens mehrmals begegneten und verbringen gemeinsam einen schönen Abend, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Trotz der Sonne ist es ziemlich frisch auf dieser Höhe und so beeilen wir uns ins Tal von Mendoza zu gelangen, wo 70 % des argentinischen Weins angebaut werden. In der Stadt selber steuern wir einen Parkplatz an, wo uns der Parkplatzwächter Omar sogar einen Sonderplatz abseits der anderen Autos und hinter einer vor Lärm schützenden Mauer zuweist. Wir lassen das Auto gleich stehen und machen uns auf, die Stadt zu erkunden. Nur wenige Gehminuten sind es bis zum Zentrum dieser ruhigen und schönen Stadt. Mendoza ist bekannt für seinen Straßencafes und Bars, doch vor allem für die vielen Bäume, die den Wüstenort überhaupt erst attraktiv machen. Überall stehen Stühle und Tische draußen unter schattenspendenden Platanen, was man in Lateinamerika selten sieht. Wir machen eine Bustour in Mendozas großen Stadtpark San Martin. Hier befinden sich mehrere Sporteinrichtungen, sogar eine Regattastrecke, Rasenflächen, ein Rosengarten und die obligatorischen Grillplätze. Die Alleen des Parks sind nach den verschiedenen Bäumen benannt, die beiderseits angepflanzt wurden. Vom Cerro de la Gloria, wo sich das riesige Denkmal der Andenarmee befindet, die unter General San Martin nicht nur Argentinien sondern auch Chile und Peru von der spanischen Kolonialherrschaft befreite, haben wir einen guten Blick auf die Stadt und das Amphitheater.

Unser Freund Wolfgang (Valdez) ist auch in Mendoza und wir treffen uns noch am selben Abend, um gemeinsam den argentinischen Wein in Mendozas hipper Strasse ‚Aristides Villanueva’ zu genießen. Am nächsten Tag erkunden wir die im Reiseführer angegebenen Highlights der Stadt, doch sind ziemlich enttäuscht. Das Aquarium hat geschlossen, der im Gaudi-Stil erbaute Spielplatz ist winzig und total runtergekommen und die Kirchen auf unserem Weg haben allesamt ihre Pforten geschlossen. Trotzdem genießen wir den Spaziergang und belohnen uns später mit Burger und Eis im Weltrestaurant McDonald. Abends essen wir das erste Mal in einem ‚Tenedor Libre’ - All-You-Can-Eat vom Grill. Ein argentinischer Schnulzensänger schleicht singend um die Tische und vertreibt uns schließlich voll gestopft aus dem Lokal. Nachdem wir uns die Beine vertreten haben, landen wir jedoch kurz darauf schon wieder in einer der vielen Bars der Stadt. Jeden Tag begrüßt uns Mendoza mit viel Sonne und Ruhe. Man hat das Gefühl die Bewohner sind ausgeflogen oder verstecken sich irgendwo. Neben einem großen zentralen Platz hat die Stadt vier weitere Plätze, die verschiedenartig und attraktiv gestaltet sind. Am Plaza San Martin befindet sich die Kirche de San Francisco, Mendozas berühmteste religiöse Stätte. Auf den Namen San Martin trifft man sehr oft in Argentinien, doch besonders hier in Mendoza, wo der gute Mann mit seiner Familie lebte. Der Abschluss unseres Aufenthaltes in dieser tollen Stadt bildet eine tolle Flamencoaufführung im ‚Teatro Indepedencia’.

Nördlich der Provinz Mendoza liegt die Provinz San Juan und in deren gleichnamigen Hauptstadt treffen wir auf die nächsten Reisebekannten. Karen und Luis, mit denen wir durchs Seengebiet gefahren sind, wohnen hier bei Luis Eltern. Kurz vorm Dunkelwerden erreichen wir unser Ziel und begrüßen unsere Freunde sowie Luis Familie. Wir verbringen mehrere Tage in San Juan, wo wir Choripan, Lomito und andere argentinische Leckereien kennen lernen, gemeinsam kochen und die Umgebung erkunden. Olli muss aufgrund von Rückenschmerzen zum Arzt und unser Auto muss in die Werkstatt zum Spur einstellen. Wir sitzen wie immer viel am Rechner, arbeiten an der Website und buchen unseren Rückflug nach Deutschland! Wir haben viel Spaß mit Karen und Luis als auch mit den Eltern. Sie sind außerordentlich herzliche und lustige Menschen. Nach einer Woche verabschieden wir uns von allen und brechen nach Villa General Belgrano auf. 70 km hinter San Juan befindet sich die Pilgerstätte der Difunta Correa (Wiki-Link). Diese nicht heilig gesprochene Heilige verdurstete auf der Suche nach ihrem Gatten in der Wüste. Als man sie fand, hatte der Säugling an ihrer Brust überlebt und sie zu einer Heldin gemacht. Heute sieht man Difunta Correa Schreine – sehr leicht an den bergen von Plastikflaschen zu erkennen, die der verdurstenden symbolisch dargebracht werden - überall an den Strassen Argentiniens. Doch dieser hier in Vallecito ist einzigartig. Zu Hunderttausenden pilgern die Menschen heran und hinterlassen nicht nur Wasserflaschen sondern auch Familienfotos, Diplome, Zeugnisse, Modelautos und -häuser. Es ist beeindruckend!

Wir durchfahren an diesem Tag drei Provinzen, erklimmen die Sierra de los Comechingones und erreichen Villa General Belgrano am nächsten Morgen. Auch bei Bettina und Ralf auf dem „La Florida“ Camping ist Nebensaison. Natürlich wird sofort der Grill entzündet. Hier verbringen wir zwei gemütliche Wochen, um im Internet zu recherchieren und an der Website basteln – Olli schneidet mehrere Videos – wir grillen mehrmals und spazieren durch den Ort, der jetzt fast leer und viel angenehmer, als in der Hochsaison ist. Wir bekochen uns gegenseitig und kleine Reparaturen sind auch mal wieder fällig. Ralf kredenzt uns sein berühmtes Asado, bei dem er verschiedene Fleisch- und Wurstarten gekonnt zubereitet und uns dann damit einen ganzen Nachmittag mästet. Wir kommen dank eines übermütigen Hahns, dem der Garaus gemacht wurde, außerdem in den Genuss einer außerordentlich delikaten Hühnersuppe. Bettinas Schafe bekommen im zwei Tage Takt Lämmer, die wacklig auf ihren langen Beinen herumhopsen und mich immer wieder zu Fotos animieren. Nach unserem Abschied von Bettina und Ralf und ihrem kleinen Paradies in Villa General Belgrano fahren wir nach Cordoba. Dort wollen wir noch einmal unsere Kamera in den kleinen Serviceladen bringen, da bei der Reparatur die interne Batterie nicht angeschlossen wurde. Doch nach der stundenlangen Suche eines geeigneten Parkplatzes (24 h = 100 P = 20 Euro), beschließen wir mit diesem kleinen Problem weiter zu leben. Wir verlassen das Zentrum Cordobas, doch müssen nun noch unsere Propangasflaschen aufgefüllt bekommen. Gut, dass wir ungefähr wissen, wo sich die Gasanbieter befinden. Tatsächlich ist in besagter Strasse ein Gasversorger nach dem anderen und nachdem man uns mehrmals versichert, hinter der nächsten Kurve da könnte man unsere Flaschen füllen, haben wir wirklich hinter der achten Kurve Erfolg. Nun nichts wie weg aus Argentiniens zweitgrößter Stadt und weiter nach Norden in die Provinz ‚Santiago del Estero’. Über eine Sandpiste kämpfen wir uns von ‚Villa Ojo de Aqua’ nach ‚Los Telares’ und dann wieder auf Asphalt weiter nördlich bis in den Chaco von Argentinien.

Unser Ziel heißt Corrientes, wo Jorge - einer unserer ersten Reisebekannten - lebt. Wir halten tagsüber nur zum Tanken, Essen und um Baumwollflusen aufzusammeln. Seit mehreren Kilometern säumen nicht nur gigantische Baumwollfelder den Wegesrand sondern sind auch die Seitenstreifen der Strasse weiß. Immer wieder verlieren die LKW winzige Teile der Ladung, die sich hier im Gras verfangen. Die argentinische Provinz Chaco gehört zu der Region Gran Chaco, welche sich bis nach Bolivien, Paraguay und Brasilien erstreckt. Im Sommer wird es hier bis zu 45 Grad heiß und Mücken fühlen sich in diesem subtropischen Flachland mit seinen Sümpfen und Lagunen besonders wohl. Doch das sind nicht die einzigen Tiere, denn der Chaco beherbergt die größte Artenvielfalt Argentiniens. Corrientes, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, welche von Resistencia durch eine imposante Brücke getrennt ist, ist eine der ältesten Städte Argentiniens und bekannt für seine vielen Wandbilder. Die Stadt (ca. 360.000 Einwohner) wird von zwei Seiten durch den gewaltigen Rio Parana begrenzt und besitzt eine charmante Costanera. Und dann ist es endlich so weit, Jorge erwartet uns schon in der Strasse und wir begrüßen uns herzlich. Über 2 Jahre ist es her, dass wir gemeinsam eine schöne Zeit im mexikanischen La Paz verbracht haben. Und genauso schön wird es nun wieder. Wir erkunden gemeinsam Corrientes als auch Resistencia, veranstalten Asados, gehen mit Jorges Vater und Sohn fischen, besuchen endlich mal wieder ein Kino, feiern meinen und den Geburtstag von Jorges Sohn, trinken Mate und verbessern unser Spanisch. Abwechselnd übernachten wir in Corrientes oder in Resistencia vor dem Haus oder auf einem kleinen Campingplatz am Fluss.

Doch irgendwann ist auch diese schöne Zeit vorbei und wir verabschieden uns schweren Herzens von unserem guten Freund und hoffen, dass Jorge uns einmal in Deutschland besuchen wird. Beim Verlassen der Stadt wollen wir noch das Auto auftanken, doch müssen feststellen, wie knapp das Benzin hier im Norden von Argentinien ist. Die preiswerten YPF Tankstellen haben entweder nur das teuer Premium oder es haben sich unendlich lange Schlangen an den Zapfsäulen gebildet. Dann darf jeder nur einen bestimmten Betrag auftanken, was für unseren durstigen Truck sehr mühsam ist. Von Corrientes fahren wir weiter nach Osten bis wir in ‚Lomas de Vallejos’ auf eine Sandstrasse nach Süden abbiegen. War die Gegend vorher menschenleer, so ist es jetzt einsam. Statt Häusern und Autos sehen wir die verschiedensten Vögel, u. a. den größten Storch. In der Dämmerung erreichen wir den Parque National Mburucuya (Passionsblume) wo uns gleich eine ganze Horde Wasserschweine empfängt. Die verängstigten Tiere quetschen sich links und rechts an die Büsche, während wir das Auto langsam an ihnen vorbeischieben. Auf der ehemaligen Estancia des Dänen Troels Pedersons dürfen wir uns einen Stellplatz unter großen alten Bäumen wählen. Vom Ranger bekommen wir noch etwas Informationsmaterial über den Park bevor wir uns schnell in den Camper zurückziehen, denn um diese Zeit wimmelt es nur so von Mücken.

Es ist wie im Paradies auf dieser alten Estancia. Die ehemaligen Gebäude sind gepflegt, genau wie die gesamte Anlage und die verschiedenen Bäume sind beeindruckend, wie z.B. ein gigantischer Hibiskus direkt vor dem Rangerhäuschen oder die Allee aus Platanen. Der Botaniker Pederson vermachte seine einstige Rinder-Estancia dem Staat, unter der Voraussetzung, dass hier ein Naturreservat entstehen würde. Das wir uns hier mehrere Tage so wohl fühlen, verdanken wir allerdings der Tatsache, dass wir uns mitten im Winter befinden. Im argentinischen Sommer wären es unerträgliche schwüle 40 Grad und Mücken rund um die Uhr. Jetzt entsprechen die Temperaturen einem schönen deutschen Sommertag, den wir dafür nutzen die Gegend zu erkunden. Es gibt verschiedene Wanderwege durch steppenartige Graslandschaft gespickt mit Yatay-Palmen. Einen Fuchs und die kleinen Corzuela-Hirsche haben wir auf der Estancia Santa Teresa schon gesehen, nun beobachten wir die verschiedensten Vögel (150 Arten wurden entdeckt) und in den Lagunen wieder die drolligen Wasserschweine (Capybara). Dieses größte Nagetier der Welt kann bis zu 66 kg schwer 1,3 m lang werden. Als sie uns entdecken schwimmen sie schnell auf die andere Seite ins Schilf, denn sie sind ziemlich ängstlich. Nicht selten landet dieser freundliche Nager auf dem Grill der Einheimischen.

Gleich nach dem Park Mburucuya steuern wir ein weiteres Naturreservat weiter südlich an. Doch das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Ein heftiger Regenguss verwandelt die 100 km lange Sandpiste zum ‚Estero de Ibera’ in eine Rutschpartie. Diese Strasse ist die einzige Zufahrt zum Park und wir hatten eigentlich geplant von dort weitere 150 km nach Norden und bis zur Grenze nach Paraguay zu reisen. Daraus wird nun nichts, denn auch die nächsten Tage soll es nach Auskunft der Argentinier noch regnen. Wir schmeißen alles um und fahren zurück nach Corrientes, wo wir noch einmal ein langes Wochenende mit Jorge und seiner Familie verbringen. Die gucken nicht schlecht, als wir wieder vor der Tür stehen, doch freuen sich genauso, über unser Wiedersehen. Wir haben beschlossen Argentinien im Norden zu verlassen und fahren von Resistencia in die Provinz Formosa. In Clorinda überschreiten wir die Grenze nach Paraguay, ein Land, was nun mit neuen Eindrücken und Erfahrungen auf uns wartet. Obwohl wir in den ersten Argentinien-Wochen andere Reisende noch skeptisch belächelten, die ausschließlich hier reisen, haben wir in den fünf Monaten unseres Aufenthaltes Argentinien kennen und lieben gelernt. Besonders der weite und fast unbewohnte Süden ist ein Paradies für Leute mit eigenem Auto und insgesamt gibt es unwahrscheinlich viel zu sehen und zu erleben. Vielen Dank Argentinien!