Winter in Paraguay – 22. Juni bis 3. Juli 2011

Wir überqueren die Grenze nach Paraguay in der argentinischen Stadt Clorinda. Trotz der Benzinleeren Tankstellen auf unserem Weg hierher, bekommen wir in dieser Grenzstadt sogar an der preiswerten YPF das günstige Benzin und tanken unseren ‚Thirsty Harry’ noch einmal richtig auf. Die Grenzstation für beide Länder befindet sich für uns hinter der großen Brücke, die sich über den Parana spannt. Ein freundlicher Grenzhelfer empfängt uns an der angenehm leeren Grenzstation und zeigt uns der Reihe nach, wo wir hin müssen. Wir tauschen hier auch gleich Dollar in Guarani, doch der Wechselkurs ist nicht der beste. Bereits nach 15 min sind alle Formalitäten erledigt und wir befinden uns legal in Paraguay. Gleich geht es durch die quirlige Hauptstadt Asuncion, eine Stadt voller Gegensätze. Riesige Villen neben Bretterbuden, die Strassen voll Autos, doch wir müssen einmal ganz hindurch, um in den Süden des Landes zu gelangen. Nach einer guten Stunde durch den Feierabendverkehr, lassen wir endlich die letzten Häuser hinter uns. Es dämmert bereits, als wir uns hinter einem Tankstellengebäude für die Nacht aufstellen. Am nächsten Morgen schlagen wir den Weg ins Landesinnere ein. Wir sind stark beeindruckt von dem sauberen Paraguay, welches sich uns nun am helllichten Tag zeigt. Kein Müll, gepflegte Vorgärten und teilweise wunderschöne Häuser bestimmen das Bild. Auch vor den ärmsten Hütten ist der Rasen grün und Blumen und Sträucher blühen in den schönsten Farben. Leider ist der Himmel bedeckt und die Temperatur ist schon seit Tagen nicht über 17 Grad geklettert. Ein weiterer Pluspunkt sind die guten, fast leeren Strassen, was an den relativ hohen Benzinpreisen liegen könnte.

Wir erreichen das schöne Villarrica, was wir uns ausgiebig anschauen. Sogar in ein kleines Museum gehen wir nach langer Zeit einmal wieder. Hier erfahren wir etwas über die Anfänge der Besiedlung der Region. Außerdem dient das Gebäude – eines der ersten in diesem Ort – als Musikschule und überall sitzen kleine Gruppen mit Gitarren oder am Klavier. Auf der Suche nach einer Touristeninformation, lernen wir eine der vielen Deutschstämmigen Paraguayer kennen. Die freundliche Dame gibt uns einige Tipps, doch eine Touristeninformation kennt auch sie nicht. Wir besichtigen noch die Kathedrale und begeben uns dann auf den Rückweg zur Ruta 6, die weiter in den Süden führt. Dabei durchqueren wir noch das ein oder andere hübsche Dorf wie z. B. Acahay mit einem grünen zentralen Platz und einer schönen Kirche. Der nächste Tag wartet mit Nieselregen und Nebel auf und vom Straßenrand leuchten uns die prallen Orangen durch die Nebelschwaden entgegen. Die Erde hier in Südparaguay hat einen hohen Eisengehalt und leuchtend rote Erdstrassen führen von der geteerten Hauptstrasse weg. In Villa Florida soll es einen herrlichen Strand geben, den wir nun ansteuern. Und wirklich, die Ufer des Rio Tebicuary bestehen aus feinem, hellen Sand und der Naturpark, welcher sich hier über mehrere Kilometer entlang zieht bietet nicht nur einen ruhigen Stellplatz sondern auch Strom. Und alles ist umsonst. Trotz des schlechten Wetters nisten wir uns hier für mehrere Tage ein und jeden Morgen zeigt sich ein wenig mehr blauer Himmel. Am dritten Tag sind die Wolken komplett verschwunden und wir genießen die Sonne, den Strand und die Einsamkeit, die wir uns mit einigen Rindern und Luan – ein brasilianischer Reisender – teilen.

Bei Sonnenschein verlassen wir Villa Florida, fahren durch San Miguel, die Stadt der Hängematten und San Juan Bautista, einer größeren Kreisstadt. Am Nachmittag erreichen wir San Ignacio Guazu. Guazu bedeutet groß in der Indianersprache Guarani. Anfang des 17. Jahrhunderts machten die Jesuiten im heutigen 3-Ländergebiet Brasilien-Argentinien-Paraguay den Versuch das Christentum mit der indianischen Bevölkerung zu verbinden. Den Missionaren gelang es, dass die Guarani ihre Heimat in den Urwäldern und das Nomadenleben aufgaben, um in Jesuitensiedlungen sesshaft zu werden. So entstanden unter Führung der Jesuiten eigenständige Dörfer sowie große Leistungen im Kunsthandwerk, Ackerbau und der Viehzucht. Ebenso konnten sich die Indios in diesen angelegten Städten lange Zeit gegen die spanischen Sklavenjäger wehren. Das passte den spanischen Kolonialherren natürlich nicht und so wurden die Jesuiten 1767 endgültig vom spanischen König vertrieben. Die teilweise kunstvoll angelegten Städte zerfielen und die Indianer ihrem eigenen Schicksal überlassen. Die jesuitischen Hinterlassenschaften zählen heute zu den touristischen Höhepunkten Paraguays. In San Ignacio Iguazu besichtigen wir ein kleines Museum, welches vom Chacokrieg berichtet und anschließend das Diözese-Museum, in dem wertvolle Schnitzwerke ausgestellt sind. Diese wurden von Guarani-Indianern unter Anleitung der Jesuitenmönche hergestellt. Von San Ignacio Iguazu aus wurden insgesamt 30 Jesuitendörfer der Umgebung gegründet. Eine wunderschöne Jesuitenkirche beherrscht den zentralen Platz und liegt unter schattenspendenden alten Bäumen. Nach dem Besuch des Museums fahren wir weiter nach Santa Rosa. Hier besichtigen wir den Stadtkern, in dem sich ein aus der Zeit der Mission stammendes, gut erhaltenes Indianerhaus befindet. In der Kirche befinden sich die Holzskulpturen und sie wird eigens für uns aufgeschlossen. Eigentlich waren wir schon wieder am Auto, als ein Nachbar den Pastor anruft und uns zurückschickt. Die Kirche ist die einzige in Südamerika, die von den Guarani auch angemalt wurde – von innen. Das und die Holzskulpturen schauen wir uns also noch an und dann verlassen wir Santa Rosa.

Weiter geht es nach San Cosme y Damián und gleichnamiger Jesuitenmission am Fluss Parana. Auf der einsamen grünen Landstrasse dorthin, steht eine alte Frau winkend am Straßenrand. Sie trägt keine Schuhe und ist auch sonst eher dürftig bekleidet für diese kalten Tage. Wir halten kurz entschlossen und plündern den Camper auf Dinge, die wir abgeben können. Es finden sich Schuhe, Hosen und Jacken und auch einiges an Lebensmitteln. Die Alte dankt uns sichtlich bewegt auf Guarani, als wir ihr die Sachen bis zu ihrer kleinen Bretterbehausung tragen. Die Jesuitenanlage in San Cosme y Damián ist fast wieder vollständig aufgebaut, doch wegen der vielen baulichen Veränderungen, wurde der Antrag auf ein Weltkulturerbe nicht genehmigt. Die große Anlage des ehemaligen Jesuitendorfes ist trotzdem sehenswert – schon allein, weil alles hervorragend gepflegt und organisiert ist. Der bedeutendste Astronom Südamerikas des 17./18. Jahrhunderts, Buenaventura Suarez, arbeitete hier und pflegte Kontakt zu anderen Wissenschaftlern in ganz Europa. Ein astrologisches Zentrum würdigt heute seine Arbeit und die Sonnenuhr im Hof der Mission ist eine der berühmtesten weltweit. Nach der Führung durch die rekonstruierten Gebäude, lauschen wir einem Vortrag über Suarez und seiner Arbeit und erleben anschließend den Sternenhimmel im Planetarium. Wie gesagt, es ist alles super organisiert und zur Krönung des ganzen dürfen wir uns mit dem Wohnmobil in den Garten der Anlage stellen, bekommen Strom und Internet und eine Frau aus dem Ort holt sogar noch unsere Wäsche zu waschen. Außer uns steht auch ein brasilianischer Camper auf dem Rasen. Für diese Jesuitenmission kann man übrigens ein Kombiticket erwerben, welches ebenfalls für Trinidad und Jesus gilt. Auch am darauf folgenden Tag verwöhnt uns die Sonne. Wieder auf der Ruta 1 lassen wir Encarnación rechts liegen und fahren über Fram nach Trinidad. Die Entscheidung war gut, denn die Landschaft hier ist wirklich wunderschön. Das leuchtende Grün der Felder zu beiden Seiten entlockt uns so manches ah und oh. Wir kommen auch durch eine winzige japanische Ortschaft und sehen in den Vorgärten den einen oder anderen Samurai.

In Trinidad biegen wir nach Jesus ab. Auch hier entstand 1685 ein Jesuitendorf, welches wir uns aber erst am nächsten Tag anschauen. Wieder treffen wir auf das Paar aus Brasilien und stellen erstaunt fest, dass Gerhard gebürtiger Österreicher ist und demzufolge deutsch spricht. Gemeinsam besichtigen wir noch am selben Abend die Ortskirche, wo zurzeit die Holzskulpturen der Mission ausgestellt sind. Leider ist es am Morgen vorbei mit dem schönen Wetter. Der Himmel ist komplett zugezogen und die Temperatur liegt bei 14 Grad. Draußen wuseln leise mehrere Arbeiter und vermessen doch tatsächlich ihre Arbeitsfläche unter unserem Auto. Olli ist so freundlich und parkt uns erst einmal um, damit die guten Männer weitermachen können. Gut gesättigt sind wir eine Stunde später an der Ruinenstätte. Auf einem riesigen grünen Areal befinden sich die ehemalige Kirche, die Lehr- und Wirtschaftsräume sowie die Wohnhäuser der Indios. Von letzteren sieht man nur noch Reste der Mauern im Boden. Die anderen Gebäude sind imposant und besser erhalten, wenn auch nur die Grundmauern. Die zusammenhängenden Gebäude ziehen sich über mehrere hundert Meter in Länge und Breite. Wir laufen alles ab, machen Fotos. Leider gibt es keine Beschreibungen – nicht mal in Spanisch. Dann springen wir ins Auto und fahren zurück nach Trinidad. (http://de.wikipedia.org/wiki/Trinidad_(Paraguay)). Der kleine Ort mit nur 3.000 Einwohnern ist um die 1706 von dem Priester Juan de Anaya gegründete Jesuitenreduktion gewachsen. Wir besichtigen die Anlage ohne Guide. Die Paraguayer sind so schlecht zu verstehen, dass wir lieber darauf verzichten. Die ehemalige Jesuiten-Reduktion ‚La Santisima Trinidad de Paraná’ = ‚Die Allerheiligste Dreifaltigkeit zu Paraná’ wurde 1993 gemeinsam mit Jesús de Tavarangue von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Heute noch sehenswert sind die Überreste der Kirche, auf der das Dach fehlt, was aber einen besseren Blick auf die dicken Mauern und schweren Steine für ihren Bau zulässt.

Die Steine für den Bau der Mission kamen übrigens aus dem nahe liegenden Steinbruch den man für 10.000 Guarani extra besichtigen kann. Wir besteigen den Turm, der zu Verteidigungszwecken diente und haben von hier einen tollen Ausblick. Als wir über den großen Platz gehen donnert und blitzt es ganz verdächtig - bewölkt war es ja leider schon den ganzen Tag - und als die ersten Tropfen fallen, verziehen wir uns in den Camper. Wir haben Glück, denn eine Laterne liefert uns Strom und die Rezeption das WiFi. Abends hat der Regen aufgehört und wir erleben die Sound und Light-Show im Trocknen. Die Brasilianer sind auch dabei. Mit einer Führerin laufen wir das Areal, das jetzt verschieden beleuchtet ist, noch einmal ab, lauschen den Erklärungen und erleben eine Dia-Schow in der großen Kirche. Morgens verabschieden wir uns von Edith und Gerhard, die in Encarnación über die Grenze nach Argentinien fahren. Wir fahren nach Norden. Der nächste Ort ist Hohenau, eine ehemals deutsche Siedlung und als wir im Supermarkt unseren Kühlschrank auffüllen, hören wir das ein oder andere deutsche Gespräch. Es ist immer noch bewölkt und kalt. Der nächste Ort, Bella Vista, ist auch voller deutscher Einwanderer und hier wollen wir uns nun endlich eine Mate-Produktion anschauen. Im Touristenbüro bekommen wir die notwendigen Informationen für die Tour am darauf folgenden Tag auf der ‚Seleccion’ Plantage. Diese liegt 4 km außerhalb des Ortes und soll schon um 8 Uhr starten. Aus diesem Grund versuchen wir gleich dort zu übernachten, doch der Besitzer, der über ein gigantisches Areal verfügt, verweist uns vor die Tore direkt an die Kopfsteingepflasterten Hauptstrasse. Weil wir nun im Dunkeln noch einen geeigneten Platz suchen müssen, sind wir schon so genervt, dass wir die tour im Kopf schon abgeschrieben haben.

Die junge Frau von der Touristeninfo hat einen Stellplatz für uns auf einem Sportplatz. Zwar würde dort bis 22 Uhr Basketball gespielt, doch das soll uns ja nicht stören. Leider ist es nicht nur ein Spiel sondern ein ganzes Event mit vielen lauten Zuschauern und Musik. Geduldig übertönen wir die Trommeln und Schreie bei einem Film, doch als kurz vor Mitternacht immer noch der Ball geschwungen und die Trommel geschlagen wird, geben wir auf. Müde finden wir am zentralen Platz einen geeigneten Stellplatz. Da wir erst nach 8 Uhr wach werden, hat sich die Besichtigung der Mateproduktion sowieso erledigt. Leider hat auch das Museum hier am zentralen Platz geschlossen und so machen wir uns direkt auf den Weg zum Itaipu Kraftwerk. Bis 2006 war dieses Kraftwerk bezüglich seiner Leistung das größte weltweit, dann zog China nach. Es liegt nördlich von Ciudad del Este und genau auf der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien. Beide Länder beteiligten sich am Bau und nutzen nun auch die Energie, warum das ganze auch Itaipu Binacional genannt wird. Der Stausee auf brasilianischer Seite, der den Rio Parana staut erstreckt sich über 170 km und ist 8 km breit. Für Paraguay liefert Itaipu 95% des Landesbedarfs an Strom, in Brasilien sind es ca. 25%. Für die Realisierung des Staudammprojektes wurden allerdings auch etwa 40.000 Menschen umgesiedelt und große Flächen subtropischen Regenwaldes abgeholzt. Dafür schuf man ein Naturreservat Tapi Yupi, wo wir zuerst hinwollen. Doch aufgrund des nassen Wetters dürfen wir den Park nicht befahren. Stattdessen besichtigen wir die gigantische Stauanlage. Abends werden wir noch einmal vor die Staumauer gefahren, um diese im beleuchteten Zustand zu erleben. Das ganze nennt sich wieder Light-Show, ist aber eher ein Witz. Dafür dürfen wir auf dem Besuchergelände übernachten und bekommen sogar wieder Strom.

Am nächsten Morgen geht es dann ohne Umwege nach Salto de Guaira, eine Grenzstadt nördlich von Ciudad del Este. Wie diese, hat Salto de Guaira eine riesige steuerfreie Meile, doch als wir Sonntagnachmittag dort durchfahren, sind alle Geschäfte geschlossen. Nur die Unmengen von Müll zeugen von einem Verkaufswilden Vormittag. Auf der anderen Seite der Stadt erwarten wir die Grenzkontrolle, doch weit und breit ist davon nichts zu sehen. Ein Militärposten schickt uns ebenfalls weiter und nun befinden wir uns bereits auf brasilianischen Boden. Endlich kommen wir an eine Zollstelle, doch unsere Pässe kann man hier nicht abstempeln. Stattdessen schickt man uns in die 10 km entfernte Stadt Guaira und der dortigen Polizei. Kurz vor der Stadt befindet sich auch eine große Polizeistation, wo wir verzweifelt versuchen, einen brasilianischen Stempel für unsere Pässe zu bekommen. Nein, nichts zu machen, wir werden tatsächlich bis ins Stadtzentrum weitergeleitet. Gott sei Dank ist die Stadt typisch Sonntagsleer und wir finden die Federal Policia auf Anhieb. Leider ist diese am Wochenende gar nicht geöffnet und man empfiehlt uns morgen wieder zu kommen. Das kann doch alles nicht wahr sein! Frustriert versuchen wir es noch einmal bei der Polizei ausserhalb der Stadt, doch die netten Beamten können uns nicht weiterhelfen. Am Ende fahren wir zurück zum Revier im Stadtzentrum, stellen uns an eine nicht wenig befahrene Hauptstrasse direkt vor das Präsidium und überstehen eine unruhige Nacht bevor wir am nächsten Morgen legal nach Brasilien einreisen.